Band XXI (2003) Spalten 489-505 Autor: Manfred Berger
GODIN, Amalie (Amelie) Marie (Maria) Julie Anna Freiin von, (Reise-)Schriftstellerin, Übersetzerin, aktiv in der katholischen Frauenbewegung tätig, Albanienforscherin, * 7. März 1882 in München, † 22. Februar 1956 in München. - Freiin Amalie war das älteste von vier Kindern des "Königl.-Bayerischen Geheimen Justizrats" Bernhard Karl Gottfried Freiherr Godin und seiner Ehefrau Julie, geb. Freiin Eichthal. Von frühester Kindheit an war die Freiin schwächlich und krank, "später auch melancholisch, und nahm deswegen bis zu ihrem Tod Opium ein" (Beshiri 1993, S.

. Amalie wurde streng erzogen und der Familientradition entsprechend privat unterrichtet, während sie den Religionsunterricht in der öffentlichen Schule besuchte. Zur Vervollkommnung ihrer Bildung schickten die Eltern die Tochter noch auf eine straff geführte Klosterschule der Schwestern von "Sacré Coeur" in Riedenburg (bei Bregenz), wo sie zur "Dame des Hauses" herangebildet werden sollte: Das Erlernen der Hauswirtschaft, das Führen eines vornehmen Haushaltes standen ebenso auf dem Stundenplan wie der Erwerb feiner Umgangsmanieren und Sprachen (Französisch, Englisch) als auch Musik (Geige, Klavier). Die junge Aristokratin war kein Idealbild einer höheren Tochter, sie galt als eigenwillig und unangepaßt. In einer Niederschrift für Hubertha Freiin von Gumppenberg vermerkte G., daß sie seit ihrer Kindheit eine Leidenschaft für die Natur und vor allem Bücher naturwissenschaftlichen Inhalts, jedoch wenig Neigung und Begabung für die obligatorischen weiblichen Handarbeiten besessen habe, welche trotzdem erlernt und erledigt werden mußten. Freimütig gestand sie weiter, daß typische Mädcheninteressen nie ihre Sache gewesen seien. Besonders begeistert war die heranwachsende Freiin von den Reise- und Expeditionsbeschreibungen der Prinzessin Therese von Bayern. Nach Abschluß der damals üblichen "Höheren-Töchter-Ausbildung" wollte die Aristokratin im Privatstudium die Reifeprüfung nachholen und anschließend nach Zürich gehen, da dort Frauen bereits seit 1875 an allen Fakultäten regulär zum Studium zugelassen waren. Doch die Eltern waren dagegen. Es gehörte sich einfach nicht für junge Frauen ihres Standes, später einmal selbst für den Lebensunterhalt aufkommen zu müssen. Außerdem befürchteten die Eltern, daß Amalie wegen ihrer instabilen Gesundheit den auf sie zukommenden Anforderungen nicht gewachsen wäre (vgl. Gumppenberg 1956, S. 1 ff.). Es folgten langweilige und unausgefüllte Jahre des Haustochterdaseins, wartend auf eine standesgemäße Ehe. Als einziger Trost blieb G. die schriftstellerische Tätigkeit, die sie 1902 als Mitarbeiterin der "Kölnischen Volkszeitung" und der "Täglichen Rundschau" begann. In den Jahren 1905/1906 wurde die Freiin schwermütig. Zur Ablenkung ihrer Erkrankung schickten die Eltern die Tochter zusammen mit ihrem jüngeren Bruder auf eine längere Reise, die die beiden nach Athen, Istanbul und Palästina führte. Dabei kam G. durch einen Zufall auf dem Schiff nach Istanbul in Kontakt mit einem adeligen Albaner, der sie für sein Heimatland begeisterte und die Freiin einlud, ihn in Albanien zu besuchen. Im Sommer des Jahres 1908 folgte G. dieser Einladung. Dabei lernte sie viele albanische Patrioten kennen u. a. Ekrem Bey Vlora, "mit dem sie später eine dauerhafte Freundschaft verband. Sie war nach dem Aufenthalt in Albanien von dem Land so angetan, daß sie es von nun an als ihre zweite Heimat betrachtete und die Hälfte des Jahres in dem Balkanstaat lebte. Nicht zuletzt die Liebe zu Ekrem Bey Vlora (der einer der reichsten Adelsfamilien Südalbaniens entstammte; M. B.), den sie aus religiösen Gründen nicht heiraten durfte (er war Mohamedaner; M. B.), verband sie mit Albanien" (Beshiri 1993, S. 9). Während ihres ersten Albanienbesuches traf sich die Freiin auch mit dem jungen Rebellenführer von Süd-Albanien Cerciz (Tschertschiez) Topulli und mit dem albanischen Dichter und Nationalist Mihal Grameno, einer der Organisatoren der südalbanischen Befreiungsbewegung, in den Bergen Delvinas. Darüber berichtete die Freiin: - "Tschertschiez war damals etwa 25 Jahre alt und hatte sich bereits die Sympathie aller Nationalisten erworben. Er war ein blonder und blauäugiger Riese, schlank und rank, schön angetan in heimischer Tracht, eine Büchse im Arm, die zweite über der Schulter. Etwa zehn Bewaffnete begleiteten ihn; was aber die Verfasserin beeindruckte, war die ruhige Klarheit, mit der er sein politisches Ziel, die Eindämmung der griechischen Aspirationen im albanischen Süden, entwickelte, und die Wärme, mit der er ihr für ihre Interessen am Schicksal seines Volkes dankte... Neben Tschertschiez Topulli kämpfte in jenen Tagen auch Mihal Grameno, ein Orthodoxer aus Kortscha" (zit. n. Beshiri 1993, S. 33). - Von nun an brach die Freiin immer wieder zu längeren Reisen nach Albanien auf, für dessen Unabhängigkeit von der türkischen Herrschaft sie sich vehement einsetzte: - "Sie war genau eingeweiht in die Vorbereitung der Unabhängigkeitserklärung (28. XI. 1912) und arbeitete beim Aufstand gegen den gerade ins Land gekommenen Fürsten Wilhelm zu Wied (Juli 1914) unter hohem persönlichen Einsatz als Sanitäterin in einem Lazarett in Durrës. Die Anstrengungen warfen sie für Jahre aufs Krankenlager" (Grimm 1976, S. 62 f). - Vermutlich war die Freiin 1939 das letzte Mal in dem Balkanstaat. Ihre Reiseeindrücke und kulturellen Erfahrungen publizierte sie in verschiedenen Tageszeitungen und Journalen oder eigenen größeren Publikationen. Sie hatte auf ihren Reisen nicht nur geschrieben "und volkskundliches Material gesammelt, sondern auch viel gezeichnet. Manche ihrer Zeichnungen wurden in ihren Romanen z. B. 'Die drei Kolaj' abgedruckt" (Beshiri 1993, S. 11). In ihren vielfältigen Veröffentlichungen wies die adelige Frau immer wieder auf die Not des geschundenen albanischen Volkes hin. Über die mißliche Lage des Balkanstaates nach dem Ersten Weltkrieg konstatierte G.: - "Seit dem Weltkrieg kommt das durch die Besatzungstruppen bis zum äußersten geschundene Land nicht zur Ruhe. Zwar gelang es, nach Vertreibung der von Südslawien unterstützten Banden Essad Paschas, den Italienern durch Handstreich Valona zu entreißen u. einen günstigen Vertrag mit Italien abzuschließen, der ihm als Stützpunkt lediglich die kahle Felseninsel Saseno am Eingang der Bucht von Valona überließ. Alle anderen Fragen harren noch der endgültigen Lösung, so bes. die Frage einer gerechten Verteilung des nutzbaren Bodens, der heute, nur zu kleinem Teil bebaut, im Besitz von kaum einem Dutzend mächtiger Familien... ist. Die innere Politik ist beherrscht von dem Gegensatz der mohammedanisch u. der christlich gerichteten Parteien. Außenpolitisch leidet A. bes. unter der Rivalität von Italien u. Südslawien. So ist die Zukunft des an Bodenschätzen..., an Wasserkraft, an Holz, an fruchtbarer Erde u. landschaftl Schönheit so reichen Landes dunkel" (Godin 1916, Sp. 122). - Eine bedeutende wissenschaftlich/historische Leistung war ihre in deutscher Sprache erfolgte Übersetzung, in enger Zusammenarbeit mit ihrem im Exil (Rom) lebenden Freund Ekrem Bey Vlora, des albanischen Gewohnheitsrechts: "Kanun i Lek Dukagjinit". Hier handelt sich um "die Gesamtheit der Rechtsvorschriften, die im Siedlungsgebiet des albanischen Volkes, sicher schon in vorrömischer Zeit, Gültigkeit hatten. Das albanische Gewohnheitsrecht bestimmte das Leben des albanischen Volkes, insbesondere der ländlichen Gebiete, zum Teil bis zum Jahre 1939. Tribunale waren im Norden und Nordosten des albanischen Siedlungsgebietes die Alten(Ältesten-)räte der Dörfer und Stammschaften unter Vorsitz der Erbhäuptlinge, südlich des Shkumb die Altenräte der Gaue unter Vorsitz der erblichen Häupter der Feudalherrngeschlechter, der Libohova, Vlora, Bitshaku usw. Vollzugsorgan war die Männerschaft der Stämme und Gaue. - Den Ursprung des Kanun umgibt vorgeschichtliches Dunkel. Von Vater auf Sohn mündlich überliefert, geht der Kanun zweifellos auf ureuropäische Rechtsauffassung zurück und nahm in geschichtlicher Zeit durch die Goten- und Gepidenherrschaft germanische Elemente auf. Diesen Wandel deutet die Überlieferung durch den (sagenhaften) Herzog Lek (Alexander) Dukagijn in jener Spruchform gefaßt worden sei, die bis zuletzt im Schwange war; dieselbe Neugestaltung schreibt im Süden die Sage einem 'übers Meer zugereisten' Eroberer zu, der 'Krüelesh' (Herzog Langhaar) genannt, diesen Kanun i Papazhulit in Sprüche gefaßt habe; etliche Jahrhunderte später (etwa um 1500) habe schließlich Idis Suli diesen Kanun dem inzwischen veränderten Leben angepaßt. Nach der Eroberung durch die Türken (nach Skanderbegs Tode 1478) setzte sich zwar die Gerichtsbarkeit des Eroberers in den Städten und Ebenen durch, doch zogen die türkischen Gerichte auch dort bei bedeutsamen Rechtsfällen die vorausgehenden Beschlüsse der einheimischen Altenräte in Betracht, und noch 1939, also kurz vor Besetzung des Landes durch die Italiener, galt es dem nicht verstädterten Albaner von echtem Schrot und Korn als Schande, die neuerrichteten Gerichte König Zogs anzurufen" (Godin 1953, S. 3 f). Für die Übersetzung des albanischen Werkes reiste die Freiin April 1930 nach Shkodra. Dort besuchte sie für mehrere Wochen den Orden der Franziskaner, dessen Provinzial sie 1928 nach München eingeladen hatte. Seinerzeit bemühten sich die Skutariner Franziskaner auf der Grundlage der Arbeit und Aufzeichnungen des von serbischen Freischärler ermordeten Pater Gjeçovis um eine albanischsprachige Ausgabe des "Kanun". Diesbezüglich vermerkte G.: "Die Patres schickten mir den Text mit der Anregung zu, ihn ins Deutsche zu übersetzen. Ich ging sogleich darauf ein und reiste für etliche Monate nach Shkodra, wo ich täglich mit den Patres arbeitete... Es lag mir viel daran, das Albanische der Veröffentlichung (Dialekt von Kossowo) unter Wahrung seiner urwüchsigen Ausdrucksweise genau und sinngemäß zu übersetzen, was nicht ganz leicht war" (zit. n. Elsie 2001, S. 7). Die 1938 begonnene Übersetzung konnte erst nach der Nazi-Gewaltherrschaft, kurz vor dem Tod der Verfasserin, in der "Zeitschrift für vergleichende Rechtswissenschaft einschließlich der ethnologischen Rechtsforschung" veröffentlicht werden. Daneben arbeitete G. mehr als zwei Jahrzehnte an dem ersten Wörterbuch der albanischen und deutschen Sprache und publizierte zusätzlich etliche Abenteuerromane mit albanischer Thematik. Stets berichtete die Freiin in Vorträgen und Aufsätzen innerhalb des Katholischen Frauenbundes und darüber hinaus über albanische Frauenschicksale aus den unterschiedlichsten Sozialschichten, beispielsweise über eine "höchst merkwürdige Erscheinung des albanischen Hochlandes": - "Wenn ein Mädchen sich durch Eid verpflichtet, auf Liebe und Ehe zu verzichten, genießt sie alle öffentlichen Rechte des Mannes. Sie legt die Frauenkleidung ab, führt die Waffe, stimmt im Rat. Manche vërgjen wurde zum berühmten Anführer. Bricht sie jedoch ihren Eid, so verfällt sie dem Tode. Solche vërgjenè - zu deutsch wörtlich Jungfrauschaft - ist indeß sehr selten" (Godin 1932, S. 256). - Durch ihr, für damalige Verhältnisse äußerst unkonventionelles Leben, war G. in München (zeitweise wohnte sie zusammen mit ihrer Mutter bei ihrem in Berlin verheirateten Bruder) eine stadtbekannte "exotische Modernistin", zumal Frauenreisen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, selbst wenn sie nicht in fremde Länder führten, der Ruch des Sensationellen, des Unerhörten, ja des Unanständigen anhaftete, noch dazu, wenn die Reisen ohne weibliche Begleitung und unter männlichen Schutz erfolgten. Mit ihrem großen Mut entfernten sich diese Frauen weit von dem Bild weiblicher Schutzbedürftigkeit. Trotz ihres "unweiblichen" Lebens stand die Freiin gerade deswegen mit vielen bedeutenden Persönlichkeiten aus Politik, Kirche, Kultur und Adel in Kontakt. Ihr Salon war in München ein Mittelpunkt für alle katholischen, literarischen, wissenschaftlichen und kulturellen Bestrebungen. Die Naturwissenschaftlerin, Anthropologin, Zoologin und Ethnologin Prinzessin Therese von Bayern hielt mehrmals im Hause der Freiin G. Vorträge über ihre Expeditionen, die sie ins Polargebiet, durch alle Länder Europas, nach Kleinasien, Westindien, nach Nord- und Südamerika führten. Aber auch den Balkan kannte die Königliche Prinzessin gut, den sie bereits 1890 bereist hatte und sich dabei für längere Zeit in Albanien aufhielt. Das gleiche Interesse verband die beiden, im Alter jedoch sehr unterschiedlichen adeligen Frauen. Eine besonders innige Freundschaft hegte G. zeitlebens zu Ellen Ammann, die sich aktiv in München im Mädchenschutz engagierte. Letztgenannte war ferner Gründerin (1897) und Leiterin der ersten katholischen Bahnhofsmission in München sowie Gründerin (1904) und Leiterin des Münchener Zweigvereins des "Katholischen Deutschen Frauenbundes". Zusätzlich rief die in Schweden geborene Ellen Ammann 1911 den "Bayerischen Landesverbandes des Katholischen Deutschen Frauenbundes" ins Leben und war von 1919 bis 1932 für die "Bayerische Volkspartei" Abgeordnete im Bayerischen Landtag. Als Ellen Ammann 1932 starb, hatte G. eine ausführliche und einfühlsame Biographie über die verstorbene Freundin verfaßt, in der sie über die erste Begegnung mit der Schwedin und den Beginn ihrer Freundschaft schrieb: - "Als mir selbst eines Nachmittags im Oktober 1904 der Besuch Ellen Ammanns, die ich bis damals noch nicht kannte, gemeldet wurde, vermutete ich zuerst einen Irrtum, zumal ich mir den damals kaum 22jährigen Kopf nicht mit sozialen Problemen zerbrach, sondern begeistert meiner Schriftstellerarbeit oblag in der Überzeugung, mir auch so in der vom Manne regierten Welt einen Platz zu sichern. Ich sah mich einer zarten und feinen jungen Frau gegenüber, vor deren Wärme und fraulicher, liebevoller Gelassenheit sich sofort die Tore meiner Seele erschlossen. - 'Ein Frauenbund?' entfuhr es mir, 'und Pater Benno hat mich Ihnen als zweite Schriftführerin empfohlen?' Dabei überdachte ich schnell und ein wenig beschämt, daß Pater Benno mich doch nur von der Pilgerfahrt nach Jerusalem kannte, im letzten Juli und August, bei welcher Gelegenheit ich allen frommen Teilnehmerinnen ein Ärgernis und Stein des Anstoßes gewesen, weil ich ohne Rosenkranz war, den ich mir erst an den heiligen Stätten neu zulegen wollte - weil die Schiffsoffiziere mir den Hof machten und ich es mir fröhlich gefallen ließ. Wie nur hatte er bei so blamabler Gelegenheit meine Eignung zur Frauenbundssekretärin herausfinden können? - Ellen Ammann lächelte und legte mir in großen Zügen die Ziele des Frauenbundes dar. - 'Aber', gestand ich, die ich vor ihrem herzlich fortschreitenden, interessierten Blick nur aufrichtig sein konnte und wollte, 'ich habe so richtige Frauenrechtlerinnen eigentlich immer gräulich gefunden!' Schon war mir die Lust angekommen, mit dieser Frau zu arbeiten; sie durch mein Geständnis von ihrer Absicht abzubringen, wäre mir bereits leid gewesen! Es hat sie nicht zurückgeschreckt; als sie mich eine halbe Stunde später verließ, war zwischen uns beiden, was meine Tätigkeit im Bunde betraf, alles schon fix und fertig abgemacht. Mit wahrem Gluteifer stürzte ich mich auf die Bücher, die sie mir am nächsten Morgen sandte, auf daß ich mir mindestens die unentbehrlichsten Vorkenntnisse zu erwerben vermöchte. - In keiner Weise freilich, trotz meiner rasch erwachten Sympathie, konnte ich damals ahnen, wie die Beziehung zu dieser einzigen Frau mir fortab im Leben so ganz Schönes und Glückliches bedeuten sollte, wie fruchtbar mir ihr Einfluß für Herz und Weitblick würde, daß sie es verstände, meine eigenwillig-eigenbrötlerische Person ihren Zielen tatsächlich einzuspannen. Mit wie viel Herzlichkeit und schönster Freundschaft hat mich diese Stunde beschenkt, bis es dazu kam, daß ihr Heim mir fast ein zweites zu Hause war, daß ihre Familienangehörigen bald zu meinen Vertrautesten und Liebsten zählten" (Godin o. J., S. 62 f). - Ihr Engagement für den Katholischen Frauenbund war auch den Eltern sehr erwünscht, hofften sie doch, ihre Tochter würde dadurch von ihrer Schwermut abgelenkt werden. Die Gründung eines Frauenbundes hatte in manchen katholischen Kreisen der Stadt München Entsetzen ausgelöst, zumal diese der Ansicht waren, daß die Frau ":-) und Rettung allein in der Rückkehr... in die Familie, in der neuerdings anzustrebenden Vertiefung ihres Pflichtgefühls als Gattin und Mutter" finden würde. "Eine katholische Frauenbewegung schien ihnen nichts anderes denn eine Konzession an den verrotteten Zeitgeist, ja schon ein Zeichen für die Erkrankung auch unseres katholischen Lebens - im besten Falle aber gänzlich überflüssig, denn, 'so alle Frauen ihre Pflicht daheim erfüllen, gibt es keine Frauenfrage'... Von der Erzieherin und Hausangestellten abgesehen, galt jede Erwerbstätige vielen als Halbverlorene, mindestens als anrüchig. Daß man für die Frauen in der Zukunft auch politische Rechte dachte - das hätten die Gründerinnen des Katholischen Frauenbundes selbst in Vorstandssitzungen damals nicht zugegeben. Die Themen zu behandeln galt noch lange später als ganz inopportun und gefährlich" (Godin 1929, S. 54). Als schließlich, entgegen allen Ressentiments, am 6. Dezember 1904 die konstituierende Versammlung zur Gründung des Münchener Zweigvereins des Katholischen Deutschen Frauenbundes erfolgte, wurde folgender Vorstand gewählt: - "I. Vorsitzende Frau Dr. Ellen Ammann; 2. Vorsitzende Fräulein Bella Capitaine; I. Schriftführerin Fräulein Emilìe Auracher; 2. Schriftführerin M. A. Freiin v. Godin; Kassiererin Frau Martha Rosenberger. - Sofort wurden auch die verschiednen Sektionen eingerichtet, die wissenschaftliche Sektion unter Laura Freifrau von Ow-Rotberg, die karitative unter Exzellenz Freifrau Irene von Godin-Waldkirch, die soziale unter Gräfin Pauline Montgelas-Wimpffen; kooptiert wurden Baronin Marie Speidel und Frau Dr. Kleiner" (Godin o. J., S. 65 f). - Freiin G. unterstützte innerhalb des Frauenbundes die "wissenschaftliche Bildung" der Mädchen und Frauen "mittlerer und hoher Stände". Diesbezüglich postulierte sie: - "Viele Frauen sind freilich schon jetzt nicht mehr ganz ungebildet, aber der Mädchenunterricht erstrebt im allgemeinen doch noch viel zu sehr ein äußerlich glanzvolles Auftreten. Wenn wir an die vielen jungen Damen denken, die ganz im Sport und Mode aufgehen oder ganz in den rein materiellen Pflichten des Haushalts; die Mädchen, deren einziges Streben Geselligkeit ist, obwohl sie vom Genuß eines freundschaftlichen Gedankenaustausches keine Ahnung haben; die ein wenig fremde Sprachen plappern, ohne einen Begriff von der speziellen Eigenart der Nationen, ein wenig malen, Lyrik und Romane lesen, ohne Kenntnis der Malerei und Literatur, ohne selbständiges Urteil, dann wird uns erst klar, wie viel bis jetzt noch versäumt wurde, wie viel verbessert werden muß. - Wir stehen nicht mehr ganz am Anfang einer Bewegung, welche für die Frau mittlerer und hoher Stände eine vielseitige und vertiefte Ausbildung fordert; man besinnt sich in unseren Tagen bereits allenthalben auf Mittel, dieses berechtigte Verlangen zu erfüllen. Eine der wirkungsvollsten Maßregeln zu diesem Zweck sind die wissenschaftlichen Vorträge für Damen, welche von Zweigvereinen des Katholischen Frauenbundes ins Leben gerufen und hoffentlich bald auch von anderen Zweigvereinen gleicherweise veranstaltet werden. - Bewährte Kräfte der Hochschule haben sich in München zu den Vortragszyklen bereit erklärt und dadurch bewiesen, daß sie die Wichtigkeit solcher Unternehmungen anerkennen. Möchten doch auch recht viele daraus Nutzen ziehen! Es handelt sich hier nicht um berufliche Ausbildung, die Hörerinnen solcher Vorträge werden auch nicht zu Blaustrümpfen. Ihr eigenes Innenleben wird harmonisch ausgestaltet. Schließlich ist doch der weibliche Verstand ein Talent, über dessen Verkümmerung oder Ausbildung Rechenschaft zu geben ist. Die Familie, das Familienleben wird an jeder Wissensbereicherung nur gewinnen. Die Wirkung der wissenschaftlichen Vorträge soll und wird nicht auf ihre Dauer beschränkt bleiben - die wenigen Stunden können gar nicht alles umfassen. Aber durch sie wird der Wissenstrieb geweckt und veredelt. Was der Vortrag in kurzen Zügen behandelt, vertieft die Hörerin zu Hause aus Freude zur Sache; ihr Verständnis ist erschlossen, im täglichen Leben, in der Lektüre findet sie tausend Beziehungen zum Vernommenen. So wird vieles lebendig, wirklich zum geistigen Eigentum, was ihr in der Schule als unreifem Kinde nur eine Lektion ohne Nutzen gewesen" (Godin 1906, o. S.). - Bedingt durch ihre vielen Reisen nach Albanien legte G. nach mehreren Jahren ihr Amt der Schriftführerin nieder, hatte aber weiterhin zeitlebens an der geistigen Führung des Katholischen Frauenbundes wesentlichen Anteil gehabt. So engagierte sie sich beispielsweise innerhalb des Frauenbundes in den schweren Jahren nach dem Ersten Weltkrieg und der Inflation aktiv in der sog. "Mittelstandshilfe". Sie selbst organisierte u. a. Lebensmitteltransporte für den verarmten Mittelstand (Angestellte, Handwerker, Beamte, kleinere und mittlere Unternehmer) und sorgte dafür, daß die kostbare Gabe in Handschubkarren an die Bedürftigen verteilt wurde. - Als die Nazis an die Macht kamen erschien kurz darauf der Freiin ihre Biographie über Ellen Ammann (gest. am 23. November 1932), die sogleich die Nazis auf den Index setzten. Alle 60.000 gedruckten Exemplare mußten eingestampft werden. Man hatte nicht vergessen, daß die Führerin der Katholischen Frauenbewegung in Bayern 1923 als Landtagsabgeordnete der Bayerischen Volkspartei an der Vereitelung des Hitler-Putsches beteiligt war, wobei G. die entscheidenden Hinweise gegeben haben sollte, wie Tsmije Beshiri in ihrer unveröffentlichten Magisterarbeit über die Aristokratin aufzeigte: - "Beim Feldherrnhallenputsch im November 1933 sollte M. A. v. Godin zufällig eine wichtige Rolle spielen. Die Abgeordnete der Volkspartei, Ellen Ammann,... erzählte voller Sorge von der Versammlung im Bürgerbräuhaus, zu der Hitler eingeladen hatte, und befürchtete, daß es dabei zu einem Blutbad kommen könnte. Die Freiin war an dem Abend des 8. November von einer Versammlung nach Haus unterwegs, als sie zufällig ein Gespräch zweier junger Männer mithört: 'Jetzt werden sie wohl ihre Überraschung erlebt haben', sagte der eine, während der zweite meinte, dazu sei es noch zu früh, 'aber die Schwarzen werden sich wundern'. - Ohne zu zögern, teilte sie dies Ellen Ammann mit, die dann ihre Partei-Freunde zusammenrief. In derselben Nacht wurde eine Proklamation gegen den Putsch verkündet" (Beshiri 1993, S. 21 f). - Bedingt durch ihre Freundschaft zu Ellen Ammann und wegen ihrer Zugehörigkeit zur Katholischen Frauenbewegung war die Aristokratin den Nazis ein Dorn im Auge, obwohl sie während der Nazi-Diktatur "Leiterin der Frauengruppe des Reichsverbandes deutscher Schriftsteller, Gau Bayern, in München" (Beshiri 1993, S. 25) war und ihre "Heimatromane" durchaus positiv rezensiert wurden, wie nachstehende Beurteilung "Die Örtlbäuerin. Ein Roman aus dem niederbayerischen Bauerntum" belegt: - "Im Mittelpunkt der Handlung, die vor und während des Weltkrieges sowie in der Nachkriegszeit in Niederbayern spielt, steht eine schlichte, glaubensstarke, deutsche Frau, die Örtlbäuerin. Sie muß durch die harte Schule des Lebens gehen, den Mann und Kinder verlieren, für Hochmut und Härte, die sie gegenüber der Braut eines Sohnes zeigt, schwer büßen, ehe sie zu dem Charakter, dem sittlich hochstehenden Menschen herangereift ist, der unsere volle Liebe und Hochachtung gewinnt. - Aus jeder Zeile des Romans, aus der Schilderung der Landschaft, des Lebens und Treibens und der Eigenpersönlichkeit des Bauern spürt man, daß die Dichterin, jeder Konjunkturhascherei abhold, die Menschen, die die heimische Stolle bebauen, wirklich liebt und sich mit ihnen innerlich verbunden fühlt. - Starkes frauliches Empfinden läßt sie für das Seelenleben der schlichten Heldin des Romans ein besonders tiefes Verständnis fühlen und befähigt sie, da es mit meisterlicher Behandlung der Sprache gepaart ist, das Hohelied der deutschen Bäuerin zuschreiben" (Ida-Seele-Archiv, Sign. A.v.G. 1/2/3/4). - Außerdem war die Freiin "jüdisch versippt". Ihr Ur-Urgroßvater mütterlicherseits war der "Königl. Bayerische Hofbankier" Aron Elias Seligmann. Er wurde als erster bayerischer Jude 1814 nach seinem Gut Eichthal zum Freiherrn "von Eichthal" in den Adelsstand erhoben und ließ sich 1819 in München katholisch taufen. Seine Söhne begründeten die verschiedenen Linien der Familie, die es vor allem in Frankreich zu großem Erfolg brachte. G. war unter keinen Umständen gewillt, ihre jüdische Abstammung zu leugnen. Zudem wurden allgemein einige Angehörige des aus der Gegend von Cambray (Frankreich) stammenden Adelsgeschlechts von Godin bespitzelt. Die Nazis wußten noch genau, daß der Cousin der Freiin, der damals mitverantwortliche Leiter des Münchener Polizeipräsidiums, Michael von Godin, den Nationalsozialisten Ernst Pöhner, der den Hitler-Putsch am 9. November 1923 maßgeblich mitvorbereitet hatte, inhaftieren ließ. Dafür wurde Michael Freiherr v. G. auch Ende Mai 1934 von den Nazis in "Schutzhaft" genommen und in das KZ Dachau gebracht. Sein Zellengenosse Erwein Freiherr von Aretin erinnerte sich: "Godin, der über der Grenze bei Reutte in Tirol wohnte, war an diesem Sonntag in seinem Auto zu seinen Schwiegereltern nach Steingaden gefahren und beim Rückweg nach Tirol an der Grenze verhaftet worden. Hier lagen die Gründe der Verhaftung auf der Hand: sie waren natürlich wieder nicht politisch, sondern entsprangen dem Rachebedürfnis dafür, daß Godin als Offizier der bayerischen Landespolizei am 9. November 1923 an der Feldhernnhalle jene Abteilung geführt hatte, die auf den heranziehenden Zug geschossen und ihn in einer Geschwindigkeit zerstreut hatte, die aus der Geschichte des Nationalsozialismus auch durch die heroischen Lieder nicht vertuscht werden kann. - Von allen Zellengenossen, die ich bisher gehabt hatte, war Godin zweifellos in dem schlechtesten Zustand. Das war ihm auch wahrhaftig nicht übelzunehmen. Erstens mußte er sich Vorwürfe machen, daß es so unvorsichtig gewesen war, mit dieser 'Belastung' nach Bayern hereinzufahren, wo er doch das Glück hatte in Österreich zu leben, und dann kannte er seine Gegner gut genug, um zu wissen, mit welcher Freude sie dem Wehrlosen gegenüber den Nachweis des Mutes nachholen würden, den sie vor zehn Jahren zu geben versäumt hatten" (Aretin 1955, S. 219 f.). Ferner hielt die Freiin als überzeugte Christin die Verfolgung von Menschen jüdischer Abstammung für äußerst inhuman und unchristlich, und half den Verfolgten, wo sie nur konnte: - "Sie war empört, als ihr Arzt Picard, weil er Jude war, zur Aufgabe seiner Praxis gezwungen wurde. Als in der Reichskristallnacht dessen Sohn Rudolf Picard, der die Praxis des Vaters unter der Bedingung übernommen hatte, nur Juden zu behandeln, verhaftet wurde, bekam sie ihn über Beziehungen frei. Ihr albanischer Freund, Professor Paluca, der bei der Baronin zu Besuch war, riet ihr, Rudolf Picard nahezulegen, er möge nach Albanien auswandern, wo dringend Ärzte gesucht werden. Eigens dafür fuhr sie mit der Frau von Picard, Jutta Picard, 1939 nach Albanien. Die Freiin war von der Reichskristallnacht sehr betroffen und bezeichnete sie als 'reine Zerstörung'. Das Verbot, Juden Brot, Milch und Medikamente zu geben, 'stößt' sie ab" (Beshiri 1993, S. 21). - Ab 1943, als sich die Albaner gegen die deutsche Besatzungsmacht auflehnten, erschwerte sich für G. zusehends die Situation. Sie wurde verdächtigt, die "Albanische Nationale Volksbefreiungsarmee" zu unterstützen. Daraufhin wurde ihre Post überwacht, sogar Hausdurchsuchungen mußte sie über sich ergehen lassen einschließlich mehrere Gestapo-Verhöre im Witttelsbacher Palais. Der Freiin wurde jede weitere publizistische Tätigkeit untersagt, auch wurden ihre Bücher und Schriften mit albanischer Thematik verboten. - Nach dem Zusammenbruch der Nazi-Gewaltherrschaft brachte G. ihren reichen Erfahrungsschatz bei der Reorganisierung des Katholischen Frauenbundes in Bayern ein und unterstützte die jeweilige Landesvorsitzende mit Rat und Tat. Der Katholische Frauenbund in Bayern kümmerte sich u. a. um die vielen Heimatvertriebenen. Bayern mußte in den Jahren 1945 bis etwa 1950 ca. 2,5 Millionen Flüchtlinge aus dem Sudetenland, Schlesien, Ostpreußen und den deutschen Siedlungen der Balkanländer aufnehmen, unterbringen und mit Arbeit versorgen. Allein in Raum München gab es über 20 Notaufnahmelager, in denen viel Elend und qualvolle Enge herrschte. Als Balkanexpertin war G. eine hochgeschätzte Mitarbeiterin des Frauenbundes. Sie engagierte sich vor allem in der "Lagerfürsorge". Die inzwischen gesundheitlich sehr angeschlagene Aristokratin besuchte trotzdem u. a. noch die Lager in München, Dachau, Ingolstadt, Augsburg und Eichstätt. Dort hielt sie Vorträge und Aussprachekurse zu religiösen und kulturellen Erziehung der Frauen und Mädchen. Bis zu ihrem Tode kümmerte sie sich um albanische Familien, die sie auch finanziell unterstützte und sich bei Ämtern für deren Rechte einsetzte. Dadurch leistete sie einen wichtigen Beitrag zur Bewältigung der Integration der Vertriebenen und Geflüchteten in die neue Heimat (vgl. Gumppenberg 1956, S. 4). Weiterhin verfolgte die Freiin aufmerksam die Entwicklung der Volksrepublik Albanien, insbesondere die Entwicklung der katholischen Kirche. Sie klagte an, daß die Kommunisten die katholische Kirche eliminieren und ihre Geistlichkeit auf brutalste Weise ermorden: - "Die katholische Kirche blühte damals in 7 Diözesen. Sie hatte über 233 Gotteshäuser. 185 Priester des weltlichen und Ordensklerus pastorierten. Nach wenigen Monaten waren sämtliche Bischöfe der Verfolgung zum Opfer gefallen, mit Ausnahme des altersgebrochenen Bischofs von Pulati, Msgr. Bernhard Shllaku... Von den 1945 in Albanien lebenden weltlichen Priestern wurden 24 ermordet, 35 eingekerkert, 35 deportiert, 3 flohen ins Ausland" (Godin 1954, S. 30). Am 28. Juni 1951 veranlaßte die Regierung eine Zusammenkunft der albanischen Restpriesterschaft in Shkodra, wo in Ermangelung eines albanischen Bischofs der schismatische Bischof Nikon von Odessa den Vorsitz führte. Dort wurde die "Katholische Nationalkirche" proklamiert. Darin sah G. nichts anderes als einen weiteren entscheidenden Schritt im Kampf gegen die katholische Kirche: "Es braucht nicht eigens betont zu werden, daß 'scheindemokratische Formen' allein nicht ausreichen, um im Sinne der Lehre der katholischen Kirche wirksame Bestimmungen zu erbringen. Kirchliche Gesetze zu erlassen, sind nur jene befugt, 'die der Hl. Geist zu Lehrern der Kirche bestimmte'. Alleiniger Gesetzgeber einer Synode ist der Bischof - aber keinesfalls der Bischof einer schismatischen Kirche. Die Beschlüsse also jener Zusammenkunft von Shkodra - die nach kirchlicher Auffassung auch noch unrechtmäßig einberufen worden war - sind unzweifelbar weder vor der Kirche, noch vor der Geistlichkeit oder den Gläubigen gültig. Daran ändert auch die staatliche Approbation nichts" (Godin 1954, S. 32). Und an anderer Stelle berichtete die Freiin über weitere brutale Grausamkeiten der Kommunistenherrschaft am Klerus sowie über den Mut der Gläubigen ihren Peinigern zu widerstehen: - "Was Zusammenstehen und mutige Einsatzbereitschaft selbst gegen den erbarmungslosen Terror einer kommunistischen Regierung vermögen, beweist ein Bericht aus Albanien, demzufolge die Gläubigen des reinkatholischen Gebirgsgaues der hochalbanischen Mirdita ausnahmslos den Widerstand gegen das Regiment der bolschewistischen Bedrücker organisierten. - Obwohl in den ersten Tagen der Kommunistenherrschaft, infolge der Überraschung durch die mit weit überlegener Bewaffung eindringenden fremdrassigen Roten, auch in der Mirdita der Klerus völlig ausgerottet wurde, ist die Mirdita heute durch versteckt eingereiste Priester patoriert und in ihrer Gesamtheit aufständisch. Nur durch einen bis jetzt unterbliebenen Kriegszug gegen den durch seine felsenstarrende Unwirtlichkeit fast unzugänglichen Gau könnte sich die Regierung von Tirana möglicherweise wieder durchsetzen. - Für die Gesinnung der Mirditen ist kennzeichnend auch die Haltung des Propstes der uralten Abtei von Oroschi, dem Mittelpunkt des dortigen kirchlichen Lebens. Der Probst, ein Franziskanerpater, hatte den berühmten Silberschrein mit den Gebeinen des heiligen Apostels Anfreas vergraben; als die Kommunisten dessen Ausfolgung forderten, verweigerte er sie und ging schweigend in den Martertod, obschon seine Peiniger ihn an das Kirchengitter fesselten und ihm Glied um Glied vom Leibe rissen. noch heute ist der Silberschrein in seinem Versteck wohlgeborgen" (Godin 1951, S. 454). - Nach längerer schwerer Krankheit starb G. im Alter von fast 76 Jahren in München. Als die Verstorbene zu Grabe getragen wurde, haben an ihrer Beerdigung viele Albaner teilgenommen. Die Familienmitglieder der Freiin "erinnern sich daran, daß sie geweint und gesagt haben: 'Heute ist die Mutter Albaniens gestorben'" (Beshiri 1993, S. 28). Und der Katholische Frauenbund beklagte eine ihrer treuesten Mitstreiterinnen. An der Beerdigung nahmen hochrangige Persönlichkeiten des Katholischen Frauenbundes teil, u. a. die Leiterin der Münchener Katholischen Sozialen Frauenschule, Maria Ammann, ferner Marie Buczkowska, Hubertha Freiin von Gumppenberg, die ehemalige Bundesvorsitzende des "Katholischen Deutschen Frauenbundes" Gerta Krabbel, Pauline Gräfin von Montgelas, die ehemalige Landesvorsitzende des "Bayerischen Landesverbandes des Katholischen Deutschen Frauenbundes" Berta Marie Freifrau von Notthafft, Elisabeth Riederer Freifrau von Paar zu Schönau, die Landesvorsitzendes des "Bayerischen Landesverbandes des Katholischen Deutschen Frauenbundes" Clara Tausendpfund, Elisabeth Reichsfrau von und zu Guttenberg und schließlich die Bundestagsabgeordnete Helene Weber, um nur einige der vielen zu nennen.
Werke (Ausw.): Madame de Sèvignè. Biographische Skizze, in: Die Christliche Frau, 4 1905, 51-56; Wissenschaftliche Vorträge im Frauenbunde, in Allgemeine Rundschau, 3 1906, 1; Die zweite Generalversammlung des kath. Frauenbundes in München vom 4. bis 6. November 1906, in: Die Christliche Frau, 5 1906, 108-113; Elisabeth Charlotte, Herzogin von Orleans, in: Die Christliche Frau, 6 1907, 95-101 u. 245-249; Sonne des Südens, Köln 1908, Benedetta, Rom 1909; Albanien, in: Die Zukunft, 77 1911, 116-123; Aus dem Lande der Knechtschaft. Albanische Novellen, Wien 1913; Aus dem neuen Albanien. Politische und kulturhistorische Skizzen, Wien 1914; Die 'epirotische' Frage, in: Osteuropäische Zukunft, 1 1916, 177; Feinde, Köln 1917; Italien und die katholischen Interessen in Albanien, in: Allgemeine Rundschau, 16 1919, 437; Unser Bruder Kain, Berlin 1919; Die Befreiung. Roman aus dem modernen Albanien, Regensburg 1920; Die Bessa der Jakub Schara. Albanische Erzählungen, Jena 1921; Pater Fistha - ein albanischer Dichter, in: Das Literarische Echo, 24 1921, 22; Albanien, in: Sacher, H. (Hrg.): Staatslexikon. Erster Band, Freiburg/Br. 1926, 119-122; Die katholische Kirche in Albanien, in: Allgemeine Rundschau, 25 1928, 325 u. 327; Erinnerungen an die Gründung des Zweigvereins München, in: Katholischer Deutsche Frauenbund (Hrg.): Fünfundzwanzig Jahre Katholischer Deutscher Frauenbund, Köln 1929, 54-56; Wörterbuch der albanischen und deutschen Sprache. Teil I., Leipzig 1930; Albaner des Dukagjini, in: Monatsheft für Literatur, Kunst und Wissenschaft, 7 1931, S. 483-586; Die Albanische Frau, in: Die Christliche Frau, 31 1932, 253-260; Ellen Ammann. Ein Lebensbild, München 1933; Mein albanisches Wörterbuch, in: Die Christliche Frau, 31 1933, 182-186; Die Örtlbäuerin, München 1936; Das Katholische Albanien, in: Die Christliche Frau, 36 1938, 271-285; Der tolle Nureddin. Roman aus Albanien, Köln 1936; Auf Apostelpfaden durch das schöne Albanien, Werl 1936; Franziskanische Weltmission, Münster 1936; Der Brennerwirt von Berchtesgaden, München 1937; Das Opfer, Paderborn 1937; Gjoka und die Rebellen. Geschichtlicher Roman aus dem Albanien unserer Tage, mit 12 Bildern aus dem Privatbesitz der Verfasserein, Trier 1939; Vom Dorfe geachtet, Paderborn 1940; Die Albanerin, in: Die Frau, 48 1941, 235-240; Schauspieler, Leipzig 1941; Das Christentum in Albanien, in: Hochland, 42 1949/50, 87-89; Katholikenverfolgung in Albanien, in: Freiburger katholisches Kirchenbaltt 1951, 454; Der Kanun. Das albanische Gewohnheitsrecht, in: Zeitschrift für vergleichende Rechtswissenschaft einschließlich der ethnologischen Rechtsforschung, 56 1953, 1-46, 57 1954, 5-73, 58 1956, 121-166; Die katholische Kirche im kommunistischen Albanien, in: Südost-Stimmen, 9 1954; 28-32; Exkurse zum albanischen Gewohnheitsrecht, in: Zeitschrift für vergleichende Rechtswissenschaft einschließlich der ethnologischen Rechtsforschung, 58 1956, 166-196; Die drei Kolaj. Gefährliche Wege im aufständischen Albanien, Würzburg 1961; Das Opfer. Roman aus Albanien, Paderborn, 1961; Vergessen...? Roman aus der jüngsten Geschichte Albaniens, St. Augustin 1963.
Archiv: Ida-Seele-Archiv zur Erforschung der Geschichte des Kindergartens, der Sozialpädagogik/-arbeit (und ihrer Bezugswissenschaften) als auch der Frauenbewegung, 89407 Dillingen, Akte: Amalie Freiin von Godin, Sign. A. v. G. 1/2/3/4.
Bibliographie: Rupp. H./Lang. L. (Hrg.): Deutsches Literatur-Lexikon. Biographisch-bibliographisches Handbuch. Sechster Band, Bern 1978; 428-429 (darin sind überwiegend die Romane und Novellen der Freiin v. G. aufgelistet); Beshiri, I.: Marie Amelie Freiin von Godin und Albanien, München 1993, 110-112 (unveröffentl. Magisterarbeit).
Lit. (Ausw.): Aretin; E. v.: Krone und Ketten. Erinnerungen eines bayerischen Edelmannes, München 1955; - Gumppenberg, H. v.: Amalie von Godin (1882-1956). Ein Gedenkblatt, München 1956 (Privatdruck); - Grimm, G.: Godin, Marie Amalie Freiin von, in: Bernath, M./Schroeder, F. v. (Hrg.): Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropa. Band II G-K, München 1976, 62-63; - Elsie, R. (Hrg.): Der Kanun. Das albanische Gewohnheitsrecht nach dem sogenannten Kanun Lekë Dukagjini, Kodifiziert von Shtjefën Gjeçovi, ins Deutsche übersetzt von Marie Amelie Freiin von Godin und mit einer Einführung von Michael Schmidt-Neke. Herausgegeben mit Vorwort und Bibliographie von Robert Elsie, Peja 2001; - Beshiri, I.: Marie Amelie Freiin von Godin und Albanien, München 1993 (unveröffentl. Magisterarbeit); - Kosch, W.: Das katholische Deutschland. Biographisch-bibliographisches Lexikon, Augsburg o. J., 1046-1047.
Manfred Berger
Literaturergänzung:
Jonas, K. W.: Thomas Mann und Marie Amelie von Godin. Versuch einer Dokumentation, in: Literatur in Bayern, Ausgabe Nr. 73, September 2003, 28-34.