Kosovo auf der Suche nach Investoren
Nach der Unabhängigkeitserklärung intensiviert Kosovo die Suche nach ausländischen Investoren. Der Nachholbedarf ist gross. Auch die Privatisierung von Betrieben im Infrastrukturbereich soll nicht länger ein Tabu darstellen. Von unserem Wirtschaftskorrespondenten für Ostmitteleuropa, Thomas Fuster
Wien, im April
Im Wiener Büro der Investment Promotion Agency of Kosovo (IPAK) herrscht Aufbruchstimmung. Mit farbigen Prospekten («Kosovo, die letzte grosse Möglichkeit in Südosteuropa») und mit eloquent vorgetragenem Argumentarium werden potenzielle Investoren in Österreich, Deutschland und der Schweiz ins Visier genommen. Die jungen Kosovaren, die dies tun, haben allesamt im Ausland studiert. Nun wollen sie dazu beitragen, ihre Heimat, die sich Mitte Februar für unabhängig erklärt hat, auf eine stabilere wirtschaftliche Basis zu stellen. Büroleiter Kujtim Dobruna kehrt die Probleme Kosovos zwar nicht unter den Tisch, etwa die hohe Arbeitslosigkeit, die schiefe Handelsbilanz oder die verfallene Infrastruktur im Energie- und Verkehrsbereich. Er zeigt sich aber überzeugt, dass all diese Probleme durch ausländische Investitionen lösbar wären.
Anzeige Zurückhaltende AusländerWegen des umstrittenen völkerrechtlichen Status hielten sich Ausländer bisher aber zurück mit Investitionen auf dem 2,3 Mio. Einwohner zählenden Markt, trotz tiefen Durchschnittslöhnen von 218 € pro Monat. Laut Dobruna summierten sich die ausländischen Direktinvestitionen zwischen 2001 und 2006 auf nur gerade 800 Mio. €. Ein Sprung konnte 2007 festgestellt werden, als nach dem Verkauf einer zweiten Mobilfunklizenz an die slowenische Telekom Investitionen von rund 300 Mio. € ins Land flossen; bei einem geschätzten Bruttoinlandprodukt (BIP) von 2,4 Mrd. €. Für 2008 und vor dem Hintergrund der aus Sicht Kosovos nun geklärten Statusfrage erwartet die Regierung bereits Investitionen von 1 Mrd. €. Die Privatisierungsagentur KTA (Kosovo Trust Agency) hat laut Dobruna bisher Anfragen von über 9000 Investoren erhalten, die sich für Privatisierungen interessieren. Das grösste Potenzial attestiert er dabei dem Energiesektor, dem Bergbau, der Telekommunikation und der Landwirtschaft.
Bereits gibt es einige ausländische Konzerne, die in Kosovo operativ tätig sind. Zu ihnen gehören etwa Finanzinstitute wie die österreichische Raiffeisen-Bank oder die französische BNP Paribas. Auch die Assekuranzfirmen Vienna Insurance Group oder Uniqa haben den Schritt gewagt, zusammen mit Industriebetrieben wie Mittal Steel oder der Holcim Group (vgl. separaten Bericht).
Ebenfalls nach Kosovo expandiert ist vor knapp zwei Jahren die österreichische Mineral-Abbau GmbH, eine Tochter des Baukonzerns Strabag. Im Rahmen eines Privatisierungsprojekts sicherte man sich im Juli 2006 für 2 Mio. € die Rechte an einem Kalksteinbruch in der Nähe Pristinas. Seither investierte man weitere 0,5 Mio. € in die Anlage, die Rohstoffe für den Strassenbau und die Asphalt- und Betonproduktion liefert. Zwar sei der Steinbruch, dessen Vorräte für 50 Jahre ausreichen würden, wegen der Kriegswirren fast sieben Jahre lang stillgestanden, erklärt Bereichsleiter Markus Häupl. Die angetroffene Ausrüstung aus schwedischer Produktion sei aber von hoher Qualität gewesen. Da man zudem die Sicherheit erhalten habe, dass nicht eines Tages alte Verbindlichkeiten – etwa von serbischer Seite – geltend gemacht werden könnten, habe man den Kaufentscheid bisher nie bereut.
«Fluktuation» von BetriebsmittelnDennoch, ein Engagement im noch jungen Staat verlangt besondere Vorkehrungen. Von den 40 Angestellten, welche die Mineral-Abbau in Kosovo beschäftigt, sind 12 Arbeiter dem Wachpersonal zuzuordnen. Weshalb? Häupl wählt diplomatische Worte: Man müsse schon dafür sorgen, dass sich die «Fluktuation von Kabeln und Eisen» in Grenzen halte. Gegen den Diebstahl von Betriebsmitteln gilt es sich also zu wappnen. Als weniger gravierend empfindet Häupl demgegenüber das Problem der prekären Stromversorgung: Wer den Strom im Voraus bezahle, könne durchaus auf eine zuverlässige Belieferung mit Elektrizität zählen. Auch die schlechte Verkehrsanbindung ins Ausland falle für sein Unternehmen weniger ins Gewicht, zumal die eigenen Produkte vor allem zum Strassenbau im Einzugsgebiet rund um Pristina verwendet würden.
Anders präsentiert sich die Lage für die österreichische Gemüsebau-Firma Kolm Pfluger, die zunächst Peperoni nach Kosovo importierte, um diese dort weiterzuverarbeiten, und die seit diesem Jahr auch direkt vor Ort einen eigenen Gemüseanbau unterhält. Wenn man Nahrungsmittel und Einmachgläser in Sattelschleppern ein- und ausführe, erklärt Inhaber Peter Pfluger, dann sei die schlechte Strassenqualität natürlich ein Handicap. Grosse Hoffnungen setzt er aber in die Pläne der Regierung, rund 1,3 Mrd. € in den Bau von Autobahnen in die Nachbarstaaten Albanien, Serbien und Mazedonien zu investieren. Aber auch Pfluger betont, dass sich die rund 0,5 Mio. € teure Investition, die zur Schaffung von über 100 Arbeitsplätzen geführt habe, bisher überraschend gut entwickelt habe. Kosovo versorgte früher ganz Jugoslawien mit Gemüse. Mit einem Anteil von 19% am BIP bleibt die Landwirtschaft denn auch eine der wichtigsten Einkommensquellen im Land.
Abschreckend für ausländische Investoren wirkt hingegen die mitunter fehlende Rechtssicherheit. Christian Mikosch kennt die Sorgen. Der Jurist arbeitet für die Anwaltskanzlei Wolf Theiss, welche die Privatisierungsagentur KTA seit drei Jahren berät. Laut Mikosch haben die in Kosovo tätigen ausländischen Organisationen zwar einige selbst gesteckte Ziele zur Stärkung der Rechtssicherheit verfehlt. Dennoch hätten sie in den vergangenen Jahren viel zum Aufbau rechtlicher Standards beigetragen. Die Unmik-Mission, die vom Uno-Sicherheitsrat mit weitreichenden Gesetzgebungs- und Exekutivgewalten ausgestattet worden sei, habe das aus jugoslawischen Zeiten stammende Regelwerk schrittweise verdrängt. Die entsprechenden Gesetze würden nun von der neuen Regierung übernommen, zusammen mit der KTA, die Mitte Juni ebenfalls aus der Obhut der Unmik entlassen werde.
Serbische AnsprücheMit dem baldigen Ende der Uno-Verwaltung geht laut Mikosch ein erweiterter Handlungsspielraum bei Privatisierungen einher. Seien nämlich bisher wegen Einschränkungen des Uno-Mandats ausschliesslich Unternehmen in «sozialem Eigentum» privatisiert worden, werde es künftig auch möglich sein, Firmen in «öffentlichem Eigentum» zu entstaatlichen. Mit dem Etikett «öffentliches Eigentum» werden dabei Grossfirmen im Infrastrukturbereich betitelt. Beispiele sind die Elektrizitätsgesellschaft KEK, das Post- und Telekomunternehmen PTK, der Flughafen von Pristina, die Eisenbahngesellschaft Kosovos und die für die Wasserversorgung zuständigen Betriebe.
Wie die Privatisierung dieser Firmen ablaufen wird, ist laut Mikosch aber noch unklar, zumal bei diesen Betrieben wohl auch Serbiens Regierung eigene Besitzansprüche geltend machen werde. So weise beispielsweise der serbische Elektrizitätsversorger EPS in seiner Bilanz weiterhin auch kosovarisches Firmenvermögen aus – als «politisches Statement», wie Mikosch anfügt.
http://www.nzz.ch/nachrichten/wirtschaf ... 24409.html
Wenn eine Frau schweigt,sollte man sie nicht unterbrechen.
Rechtschreibfehler absichtlich!