Klage gegen «Vater» der serbischen Nation
Von Enver Robelli, Zagreb. Aktualisiert am 06.05.2009
Er griff den «barbarischen Balkan» an. Nun wird der serbische Schriftsteller Dobrica Cosic des Rassismus angeklagt.
Der Krieg kam aus heiterem Himmel und versetzte Mensch und Tier in Panik. Die Schlangen verliessen die Wälder und suchten Zuflucht in Städten und Dörfern. Überall im Land fürchtete man sich vor umherirrenden Reptilien. So erinnert sich der serbische Schriftsteller Dobrica Cosic in seinem jüngsten Buch «Die Zeit der Schlangen» an den 24. März 1999. Es war der Tag, an dem die Nato zum ersten Mal in ihrer Geschichte einen Staat mit Bomben angriff – und elf Wochen lang damit fortfuhr, um die Terrorkampagne der serbischen Sicherheitskräfte in der damaligen Provinz Kosovo zu beenden. Über die Ursachen des Konflikts mit der Nato erfährt man in diesem Buch fast nichts, die Repression in den 90er-Jahren blendet Cosic in dieser Streitschrift für ein starkes Serbien aus.
Nun beschäftigt das Buch nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch die Justiz. Zwei Menschenrechtsorganisationen haben bei der Belgrader Bezirksanwaltschaft Strafanzeige gegen Cosic erstattet. Die Bürgerrechtlerinnen Sonja Biserko und Biljana Kovacevic-Vuco werfen dem 88jährigen Schriftsteller Rassismus vor. In seiner Wut über die Nato-Luftangriffe habe sich Cosic im Frühjahr 1999 zu einer Formulierung hinreissen lassen, die zum Hass auf die – damals – eigenen (albanischen) Staatsbürger aufrufe. «Dieser soziale, politische und moralische Bodensatz des tribalen und barbarischen Balkans verbündet sich mit Amerika und mit der Europäischen Union gegen das demokratischste, zivilisatorischste und gebildetste balkanische Volk – gegen das serbische Volk», notiert Cosic in seinem Tagebuch.
Viele Anhänger in Serbien
Ein Zusammenleben der Serben mit der albanischen Bevölkerungsmehrheit in Kosovo hält der Autor für unmöglich. Die einzige Lösung sei die territoriale Teilung des Gebiets. «Wir müssen retten, was gerettet werden kann», lautet sein Credo. Und sollte doch eine serbische Kirche oder ein Kloster dem «albanischen» Kosovo zugeschlagen werden, so müssten diese Kulturgüter einen autonomen Status geniessen – wie die orthodoxen Klöster auf dem heiligen Berg Athos in Griechenland.
Eine Rückkehr Kosovos unter Belgrader Kontrolle hat Cosic bereits nach dem Nato-Einmarsch in die ehemalige Provinz abgelehnt, weil sie «ein Krebsgeschwür für den serbischen Staat» wäre. Laut Cosic ist in der Kosovo-Frage ein historischer Kompromiss der Konfliktparteien erforderlich. Dabei müsse der «historische Anspruch» der Serben dem «ethnischen Anspruch der Albaner» weichen.
Serbische und albanische Intellektuelle führen seit Jahrzehnten einen unseligen und absurden Streit um das historische Erstgeburtsrecht, den Cosic in seinen Werken weiterführt. Serbische Historiker vertreten die These, albanische Bergstämme seien erst im 17. Jahrhundert im Gefolge der Eroberungszüge der Türken in Kosovo eingewandert. Albanische Geschichtsschreiber entgegnen, die Slawen hätten im 6. und 7. Jahrhundert den Balkan (darunter auch Kosovo) besiedelt. Die Albaner betrachten sich als Nachfahren der Illyrer, die im Altertum vor dem Einfall der Slawen im heutigen Albanien und in Kosovo gelebt haben sollen. Weil die historischen Quellen weitgehend im Dunkeln liegen und schriftliche Beweise fehlen, interpretieren beide Seiten die Geschichte zu ihren Gunsten und leiten daraus ein Vorrecht auf die Herrschaft in Kosovo ab.
Grosser Zuspruch in Serbien
Cosic hat in Serbien viele Anhänger. Das beweist auch die Aufmerksamkeit, die seinen Büchern zuteil wird. Sie werden in den Zeitungen wohlwollend besprochen, hochrangige Politiker verehren ihn, einige befürworten öffentlich seinen Vorschlag, Kosovo zu teilen. Cosic sieht sich als Vater der Nation und gilt seit den 60er-Jahren als Wegbereiter des serbischen Nationalismus. Als kürzlich sein tagebuchartiges Werk in Belgrad vorgestellt wurde, konnte der Schriftsteller mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht die Huldigungen der Intelligenzija entgegennehmen. Selbstverständlich wird Cosic bei jeder Staatszeremonie eingeladen. Mit dem Philosophen Ljubomir Tadic, dem Vater des jetzigen Staatschefs Boris Tadic, verbindet ihn eine langjährige Freundschaft. Der alte Tadic war im Bosnien-Krieg ein Berater des mutmasslichen Kriegsverbrechers Radovan Karadzic gewesen.
Cosic hat sich stets in der Nähe von mächtigen Politikern bewegt. Nach dem Zweiten Weltkrieg erging er sich in Lobeshymnen auf den jugoslawischen Partisanenführer Josip Broz Tito, der mit «sanfter Stimme» und «grossen Schritten» in die Geschichte eingetreten sei. Später verdammte er Tito und lobte den serbischen Gewaltherrscher Slobodan Milosevic. Als dieser jedoch wie ein Diktator zu herrschen begann, sagte Cosic erbittert: «Heute ist Milosevic eine anachronistische Erscheinung. Ich fürchte, dass seine Mission tragisch enden wird, in nationaler wie in persönlicher Hinsicht.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.05.2009, 22:27 Uhr
