Mo, 09. Jan 2006, 10:27
HIer der Beitrag, auf die Bilder müsst ihr leider verzichten.
„Danke, dass Ihr wegen uns so weit gefahren seid. Ehrlich, das bedeutet mir etwas“,
sagt Vater Ragip Behrami, 50, am zugigen Hintereingang des Fussballstadions von Genua. Der bescheidene Arbeiter aus dem Kosovo geniesst den Rummel um seinen Sohn: „Die Schweiz hat uns geholfen, als wir in Not waren. Und jetzt kann Valon endlich etwas davon zurückgeben.“ Valon Behrami, 20, hat mit seiner Mannschaft Lazio Rom gerade 0:2 verloren. Nebensache, schliesslich hat Valon sein wichtiges Tor acht Tage zuvor geschossen, im Stade de Suisse in Bern, beim Barrage-Hinspiel gegen die Türkei, erzielte der Kosovo-Albaner des entscheidende 2:0. Die ganze Familie Behrami ist angereist, um den gefeierten Sohn nach den dramatischen Spielen von Bern und Istanbul endlich in die Arme zu schliessen. „Wir danken Alex Pedrazini“, sagt Ragip. „Ohne ihn wären wir längst nicht mehr in der Schweiz“.
Die Behramis waren 1990 als Asylbewerber im Tessin gestrandet, drei Mal wäre die Familie in den 90er-Jahren beinahe ausgeschafft worden. Doch so wie Behrami jetzt die Schweizer WM-Qualifikation sicherte, half der Sport damals den Behramis. Vater Ragip spielte beim FC Stabio, der Sohn bei den Junioren. Beim Fussball lernte Behrami den damaligen Tessiner Justizdirektor Alex Pedrazzini kennen, dessen Sohn ebenfalls im Nachwuchsteam spielte. „Alex sagte mir eines Tages, ich solle mir keine Sorgen machen.“ Der mächtige Götti half, die Behramis blieben. Zehn Jahre später und zwei Autostunden nördlich von Stabio kämpft heute ein anderer Götti um seine Kosovo-Albaner: Reto Dürst, der Gemeindepräsident der Bündner 330-Seelen-Gemeinde Wiesen. Die Bündner Fremdenpolizei hatte im Oktober in einer brutal nächtlichen Aktion die Frau und die fünf Kinder der seit Jahren in Wiesen lebenden Familie Kolic in den Kosovo ausgeschafft.
Bilder mit Text unterhalb:
Der Kampf der Secondos beginnt an der Discotür
„ Die Polizei wollte meine Anzeige erst gar nicht aufnehmen“ sagt Bafti Zeqiri vor der Metro-Disco in Olten. Bafti hat mehrere Lokale verklagt, weil diese keine Kosovo-Albaner einlassen. Nachdem sein Versuch scheiterte, eine Lehre zu machen, büffelt der Secondo für die Aufnahmeprüfung einer Privatschule, wo er die Matura nachholen möchte. Noch wohnt er bei seinen Eltern, die als Hilfsarbeiter in die Schweiz kamen. „Im Herzen bin ich Albaner, im Alltag muss ich doppelt so viel arbeiten wie ein Schweizer“ sagt Afrim Mushja. Mit seiner Ersparnisse hat der Altenpfleger jetzt in Bern eine Hip-Hop-Boutique eröffnet.
Blochers Asylbürokraten und ihre Vertreter in Chur hatten für einmal Pech: In Wiesen gerieten sie an einen Gemeindepresidänten der weiss, wie man kämpft. Reto Dürst ehemaliger Eishockey-Profi bei Davos und ZSC, sagt: „So etwas darf in der Schweiz mit solchen Leuten nicht passieren“. Zweimal schon reiste der parteilose Lokalpolitiker in den Kosovo zu „seiner“ Familie, das letzte Mal in Begleitung eines Blick-Teams. Noch stellen sich die Behörden quer, doch Dürst ist optimistisch, dass die Familie bald wieder zusammen ist, zu Hause im märchenhaft verschneiten Wiesen. Behramis verhinderte Abschiebung, Dürst Kampf um seine Kosovaren: Wo man sich kennt, schätzt man sich „Kosovo-Albaner sind so fleissig und loyal, dass man sie für bessere Schweizer halten könnte“ sagt Gjyle Krasniqi, die in Luzern mit albanischen jugendlichen Gewaltpräventien betreibt. Viele Kosovo-Albaner fragen sich deshalb: Warum schiesst sich die SVP gerade diese Leute ein, die in vielen so ähnlich denken?
Wo man sich nicht kennt, sind Kosovo-Albaner unbeliebt. Sie gelten als Raser, Rauschgifthändler und Sozialschmarotzer, nicht nur SVP-Kader halten sie für faul, brutal, verschlagen und unberechenbar. Jeder zehnte Kosovo-Albaner der Welt lebt in der Schweiz, die fast 200`000 Emigranten schicken jährlich eine Viertelmilliarde Franken an Angehörige in der Heimat: „Die Interesse des Kosovo sind auch unserer, namentlich im Bereich Sicherheit“, mahnt Aussenministerin Michel Calmy-Rey und pocht darauf, dass die Statusfrage der Unruheprovinz endlich und schnell geklärt wird.
„Wir Kosovo-Albaner leiden alle unter der kollektiven Vorurteilung“, sagt Ylfete Fanaj, 23. „Eine kriminelle, gewalttätige Mehrheit, die viel Lärm macht, bringt uns alle in Verruf“.
Nach aussen prägen die Männer das Bild der Kosovo-Albaner, Frauen der ersten Generation kennt man nur als verschrupfte Kreaturen, die kaum Deutsch sprechen und jeden Blickkontakt vermeiden. Mir der zweiten Generation treten dagegen mehr und mehr selbstbewusste junge Frauen in die Öffentlichkeit. Frauen wie die angehende Sozialarbeiterin Ylfete aus Sursee LU: Mit provozierendem offenem Blick mustert sie ihr modisch und figurbetont. „Ich lebe seit der Pubertät im Spannungsfeld dieser zwei so unterschiedlichen Kulturen“, sagt sie. „Es ist nicht einfach, den Eltern zu erklären, warum wir so leben wollen, wie wir leben“ Konfliktpunkte sind etwa das Recht, in den Ausgang zu gehen, aber auch die traditionellen üblichen, von den Eltern arrangierte Heirat: „junge Frauen wie ich sind ständig auf einer Gratwanderung zwischen unserer eigenen Wünschen und de, Vorstellungen der Familie. Im Alltag sind wir ständig am Verhandeln“, sagt Ylfete. Luzern und sein Hinterland sind seit jeher einer der Hotspots der Immigration aus dem Kosovo. „Wenn du hier einen albanischen Namen trögst, findest du kaum eine Lehrstelle“, sagt Ylfete. In diesem Umfeld, mangelnde Akzeptanz, keine Perspektiven. “reethnisieren“ sich viele Jugendliche, idealisieren ihre eigene Kultur, wie Ylfete beobachtet: „ Die Entwicklung Aggressionen gegen die Schweiz und verherrlichen Kosovo. Warum, frag ich mich manchmal, fahren die nicht einfach zurück?“ Wenn Bafti Zeqiri, 26, morgens in seinem Zimmer in Olten So die Augen aufschlägt und zur Decke blickt, liest er als Erster den Spruch, den er dorthin geklebt hat: „Ich will die Aufnahmeprüfung bestehen!“ Bafti ist einer der Secondos aus dem Kosovo, die eigentlich keine Chance haben. Auch sein Versuch, eine Lehre zu machen, scheiterte. Deshalb paukt er jetzt für die Aufnahmeprüfung in eine Privatschule, will die Matura nachholen. Daneben arbeitet er als freiwilliger in einem Jugendclub und in mehreren Integrationsprojekten- ein Vollzeitjob ohne Lohn.
„Wenn die Eltern es zulassen, haben wir Jugendliche keine Probleme mit der Integration“ sagt Bafti. Aber leider würde viele Eltern Hass und Vorurteile fördern statt bekämpfen. „Es ist doch absurd: Albaner gelten als Rauschgifthändler, Schweizer als Konsumenten. Schweizer Eltern verbieten ihren Kids wegen der Dealer den Umgang mit Albaner, albanische Eltern umgekehrt ihren Kindern den Umgang mit Schweizern, weil diese Drogen konsumieren.“
„Wir vergessen gerne, dass die Schweizer Bauwirtschaftlich zwischen 1965 und 1990 rund 60 000 Kosovo-Albaner aktiv ins Land hole“, sagt Thomas Kessler, der Integrationsbeauftragter des Kantons Basel-Stadt. Anfang der 90er Jahre steigen die Spannungen im heimatlichen Kosovo, wer konnte, versuchte seine Familie in die Schweiz zu holen. Gleichzeitig führte der Bundesrat das „Drei-Kreisel-Modell“ ein, Ex-Jugoslawien gehörte plötzlich nicht mehr zu den Gegenden, in denen die Schweizer Wirtschaft Arbeitskräfte rekrutieren konnte. Die Kosovo-Albaner kamen trotzdem, erst die Familien, später die jungen Männer, die hier politisches Asyl suchten. Um die Attraktivität der Schweiz zu mindern, wurden die Männer möglichst weit weg von Verwandten platziert, die schon in der Schweiz waren. „Die Arbeiter in Genf kamen aus zwei Distrikten im Kosovo, aus nur sechs Dörfern, jeder kannte jeden. Wurde einer kriminell oder auffällig, schickte ihn der Clan-Chef nach Hause. Man wollte den guten Ruf im Gastland, den man sich mit viel Fleiss erarbeitet hatte, nicht aufs Spiel setzen“ sagt der grüne Nationalrat Ueli Leuenberger, Gründer der Albanischen Universität von Genf. Ohne die Kotrolle der Grossfamilien scheiterte manch einer der jungen Männer in der ungewohnten Freiheit und Einsamkeit.
Kosovo.Albaner brauchen eine harte Hand, sie brauchen eine Autorität, vor der sie Respekt haben“ sagt Azem Maksutaj Inhaber des „WIng Thai Gym“ in der Winterthurer Altstadt und 13facher Weltmeister im Kick- und Thaiboxen. In seinem Boxkeller gelten deshalb strikte Regeln: keine Drogen, keine Gewalt. Leichtere Verstösse werden ahndet Azem mit einer Serie Liegestützen, schwerer mit dem sofortigen Rauswurf. Auch Box-Champ Azem, mittlerweile eingebürgert, ist ein Chrampfer, wie man sie unter den vergleichsweise verwöhnten Schweizern kaum mehr findet: „Zwischen 16 und 18 habe ich nie mehr als zwei bis drei Stunden geschlafen, in der Handelsschule bin ich oft eingeknickt“, erzählt er. Neben der Schule arbeitet Azem als Boxtrainer, abends und am Wochenende auch als Türsteher vor einer Disco. Der Krampf lohnte sich: „mit 18 hatte ich 50 000 Franken gespart, ich konnte meinen eigenen Boxkeller kaufen“ Der Champ kritisiert, dass die Generation seiner Eltern in ihrer Isolation in der Schweiz weit konservativer blieb, als es der Kosovo von heute tatsächlich ist: „Wenn diese erste Generation in den Kosovo fährt, heisst es: Die Verrückten kommen, die Fundamentalisten!“ Gerade in Sachen freier Heirat seien die Kosovaren in Prishtina heute weit liberaler als die in der Schweiz. Über dem Empfang des Bürohochhauses der Mabetex in Lugano Paradiso hängt das Bild von Mutter Teresa. Wir sind bei Begjet Pacoli, 54, beim erfolgreichsten Kosovaren hierzulande. Mit fünf Bruder und einer Hand voll Cousins führt Pacolli ein Generalunternehmen mit einer Milliarde Franken Umsatz, er beschäftigt eine Armee von 4000 Kosovo-Albanishen Bauarbeiter. Gerade hat er das Regierungsviertel der Hauptstadt von Kasashtan gründlich saniert, zuvor für seinen Freund Boris Jelzin in Moskau das weise Haus und den Kreml renoviert. Das prestigeträchtige Kreml-Projekt brachte Pacolli jede Menge Ärger mit der damaligen Bundesanwältin Carla Del Ponte. Diese witterte Korruption und Russenmafia, und ermittelte mit viel Lärm, aber ohne Erfolg.
„Wir sind ein Volk, das einen starken Hausherren braucht, in der Familie, im Staat“ sagt Pacolli, Ein unabhängiges Kosovo brauche deshalb einen starken Presidenten, eine Vaterfigur. Und nicht unbedingt sofort eine Demokratie nach westlichem Vorbild. Diese Ansicht hat Pacolli kürzlich auch in Washington deponiert.
„Wiviu Träne fliessa, wivie Müettere immer wdr gränne….“ Wummert es berndeutsch aus den mächtigen Boxen, Lulzim Axhami, 24, alias Lil DxE singt von Tränen der Mütter nach den Raserunfällen ihrer Söhne. „Du killst, du killst dien Leben und tausend weitere Herzen. [Schimpfwörter werden hier nicht geduldet] auf den 3er BMW, [Schimpfwörter werden hier nicht geduldet] auf die NEunhzehnzollfelgen, [Schimpfwörter werden hier nicht geduldet] auf deinen Spoiler“!
Pro Helvetia zeichnet den jungen Rapper mit 15 000 Franken aus, die Berner Bürgergemeinde feierte ihn als „Brückenbauer zwischen den Kulturen“ und überwies 10 000 Franken. Im vergangenen April druckte die Berner Zeitung dien Gespräch Lulzim und Eduard Gnesa, dem Chef des Bundesamtes für Migration: „ lulzims Geschichte ist die einer Integration, wie ich sie mir wünsche“ schwärmte Blochers Mann über den Fremden. Vier Tage später ist der gleiche Lulzim im Schweizer Fernsehen Gegenstand einer „Rundschau“ Reportage über kosovo-albanische Jugendliche: Lulzim, gefilmt am Steuer seines Alfas, wird als einsichtiger Raser dargestellt. Seinem Vater fällt indem Beitrag die Rolle des „Sozialschmarotzers“ zu, er bezieht nach 35 Jahren Arbeit in Bern eine Viertel-IV-Rente. „Die Medien brauchen halt Sündenböcke“ sagt Lulzim.
Verärgert tritt er in die dunkle, neblige Nacht und verschwindet in der winterlichen Kälte des Tschernerguts in Bern Bethlehem, zwölf Prozent Jugendarbeitslosigkeit, hoher Ausländeranteil: „Mich macht keiner mehr blöd an“ brummt er in seinen dicken, hochgeschlagenen Kragen. Sein Freund Afrim Mushja, 26, der sich in acht Jahren als Altenpfleger des Startkapital für einen HipHop Kleiderladen in der Berner Altstadt zusammensparte, hat seine eigene Formel:“ Im herzen bin ich Albaner, im Alltag muss ich doppelt so viel arbeiten wie ein Schweizer“
Die Generation der Eltern hatte nur ein Ziel: arbeiten, sparen, und als gemachte Leute in einen freien Kosovo zurückkehren. Die Secondos fehlt dieses Ziel, Statusverhandlungen hin oder her. „wenn ich im Kosovo bin, hab ich Heimweh. Wieder hier, bin ich der Ausländer“, sagt Kastriot Komani, 19, Pfleger im Basler Altersheim „Zum Lamm“,
Die beste Antwort auf die Frage nach einer Rückkehr aber liefert Boxer Azem: Wohin soll ich den gehen? Vo daheim nach Hause?