Maximalstrafe für Kosovaren beantragt
Im Drogen-Prozess vor dem Bundesstrafgericht fordert der Staatsanwalt für den Hauptangeklagten 20 Jahre Freiheitsstrafe. In der Gerichtsverhandlung entsteht ein beunruhigendes Bild von den Verhältnissen in Kosovo.
«Es ist ein grosser, komplexer Fall von Drogenhandel», sagte Edmond Ottinger, der Staatsanwalt des Bundes, gestern in Bellinzona: Der Clan aus Kosovo habe von 1997 bis 2004 mindestens zwei Tonnen Heroin gehandelt. Das Verschulden der Angeklagten sei extrem schwerwiegend und ihr Vorgehen skrupellos. Für den Hauptangeklagten fordert Ottinger wegen Beteiligung an einer kriminellen Organisation, wegen Verstosses gegen das Betäubungsmittelgesetz und Geldwäscherei die Maximalstrafe von 20 Jahren Freiheitsentzug.
Der Hauptangeklagte soll als Chef des Drogenclans die Verteilung des Heroins nach Westeuropa organisiert haben. Für dessen jüngeren Bruder verlangt die Anklage vier Jahre Freiheitsstrafe und eine Geldstrafe von 300 Tagessätzen. Der Mann sei vorab verantwortlich gewesen für Geldwäscherei, indem er mit dem Drogengeld Luxusautos und Immobilien gekauft habe. Für den mitangeklagten Vater der beiden Brüder forderte der Staatsanwalt 12 Monate Gefängnis. Der 69-Jährige habe als Patriarch einen Drogenclan geleitet, der zum grössten Heroinlieferanten Westeuropas aufgestiegen sei.
120 Mitarbeiter
Der Clan habe ähnlich der italienischen Mafia eine gut strukturierte Organisation geschaffen mit 120 Mitarbeitern: Drogenlieferanten, Kurieren, Grosshändlern, Kassierern, Geldwäschern. Allein in der Schweiz seien zwölf Heroin-Grosshändler für den Clan tätig gewesen. Zehn von ihnen seien in Haft, sagte der Staatsanwalt. Die Organisation sei geprägt gewesen vom Willen zur Geheimhaltung und von der allgegenwärtigen Angst vor Repressalien.
Als erster Verteidiger plädierte gestern der Vertreter des Vaters auf Freispruch. Immer wieder bestritten die Angeklagten den geschilderten Sachverhalt. Frühere Aussagen wurden zurückgezogen. Der Geldwäscher bestritt, Eigentümer von Liegenschaften zu sein, obwohl er als deren Besitzer grundbuchamtlich eingetragen ist. Der Hauptangeklagte erklärte, nichts beweise, dass er jene Person gewesen sei, die von seinem Handy aus bei abgehörten Telefongesprächen Drogenkuriere dirigiert habe.
Trotz ihrem kleinen Einkommen als Sozialhilfebezüger, als Autowäscher und Autohändler beschafften die Angeklagten gemäss Bundesanwalt für eine Million Franken Luxuswagen und für sieben Millionen vier Häuser sowie zwei Einkaufszentren.
Düsteres Bild
Auslöser der Ermittlungen waren seinerzeit Informationen der Uno-Verwaltung in Kosovo und der US-amerikanischen Drogenbekämpfungsbehörde DEA. Tausende Dokumente und Protokolle von Hunderten Telefonabhörungen aus Kosovo, Ungarn, Spanien, Deutschland, Italien und der Schweiz seien zusammengeführt worden, sagte der Bundesanwalt.
Entstanden ist ein beunruhigendes Bild von Kosovo. Der italienische Geheimdienst warnt seit Jahren, dass in Kosovo kriminelle Organisationen mit der politischen Elite zusammenarbeiteten. Die Kosovo-Clans hätten die türkische Heroin-Mafia verdrängt und suchten eine direkte Zusammenarbeit mit Lieferanten in Afghanistan. Der in Bellinzona angeklagte Clan sei dafür ein Musterbeispiel. Die europäische Polizeibehörde Europol schätzt in einem Bericht, dass kriminelle Organisationen albanischer Herkunft bis zu 80 Prozent des Heroinhandels in Nordeuropa beherrschten und bis zu 40 Prozent desjenigen in Westeuropa. Ethnisch albanische Netzwerke primär kosovarischer Herkunft dominierten den Schweizer Heroinmarkt, heisst es im neuesten Bericht «Innere Sicherheit der Schweiz».
