Sa, 07. Jun 2008, 8:56
„Man wird mit der Zeit immun im Krieg“
Hyrie Veliu kommt direkt von ihrem Büro im TMK – Generalstab zu unserem Gespräch in einem Restaurant im Zentrum von Prishtinë. Sie trägt den olivgrünen Uniform – Overall des Kosova – Verteidigungscorps. Unter den unzähligen in – und ausländischen Uniformierten in Kosovas Hauptstadt fällt sie damit nicht auf.
Hyrie beschäftigt sich als Informationsoffizierin zurzeit damit, die Beteiligung der Frauen am Krieg zu dokumentieren. Ihre eigene Geschichte ist eine Geschichte des Widerstandes, der bis in ihre Kindheit zurückreicht. Sie ist in der Zeit der Massendemonstrationen der Achtzigerjahre aufgewachsen. Damals wurden die Forderungen nach materieller Besserstellung und nach Autonomie für Kosova vom serbischen Regime mit brutaler Gewalt beantwortet.
„Ich erinnere mich an die erste Demonstration in Prishtinë , an der ich 1981 teilnahm“, erzählt Hyrie. „Meine älteste Schwester kam nach Hause zog die Turnschuhe an, und ich rannte ihr hinterher, ich war damals in der ersten Klasse. Von da an nahmen wir an allen Demonstrationen teil.
Nie werde ich den 3.September 1989 vergessen, ich war damals fünfzehn. Die Polizei umzingelte nicht nur unser Haus, sondern das ganze Quartier. Sie nahmen meine Schwester fest und alle Männer, die sie fanden, zwei Freunde, die bei uns versteckt waren, meinen Vater, meinen Onkel und zwei Cousins. Die Polizisten schlugen die Festgenommenen schon im Haus, sie waren bis zu den Zähnen bewaffnet. Nach vierundzwanzig Stunden kehrten alle Festgenommenen zurück außer meine Schwester und ihre beiden Freunde. Zehn Monate blieben sie in Mitrovicë in Untersuchungshaft, danach gab es glücklicherweise eine Amnestie.“
Als Studentin fand Hyrie viele Gesinnungsgenossinnen und – genossen. Sie studierte unter schwierigen Verhältnissen albanische Sprache und Literatur. Seit Aufhebung der Autonomie fanden die Vorlesungen für die albanischsprachigen Studentinnen und Studenten in Privatwohnungen und Kellern statt. Mit Protestaktionen forderten die Studierenden die Rückkehr ins Universitätsgebäude von Prishtinë.
Hyrie engagierte sich ab 1997 zudem in einer Untergrundgruppe, die später zum Kern der UCK gehörte. Wegen ihrer politischen Tätigkeit unterbrach sie das Studium kurz vor dem Abschluss und unterrichtete in einem kleinen Dorf der Gemeinde Podujevë. „Meine Schwester und ich wurden damals bereits von der Polizei gesucht“, erklärt sie, „deshalb musste ich aufpassen, dass ich in Prishtinë nicht zu oft gesehen wurde.“
Hyrie ist eine der wenigen Frauen, die 1998/99 als UÇK – Soldatin kämpfte. Dass die junge Lehrerin zur Waffe griff, hat viel mit ihrer Familiengeschichte zu tun.
„Die Familie meines Großvaters wurde 1921 von Serben in ihrem Haus in Ballaban verbrannt. Es waren nur Frauen und Kinder zu Hause, das jüngste war gerade ein paar Monate alt. Großvater überlebte als Einziger, weil er an dem Tag nicht zu Hause war. In Ballaban ist das Familiengrab, ich besuche das Grab immer wieder. Ich bin mit den Erzählungen meines Vaters über die Familiengeschichte groß geworden.
Im Jahr bevor der Großvaters seine ganze Familie verlor, waren bereits sechs seiner Brüder und Cousins erschossen worden. Sie waren Freiheitskämpfer. Sie wurden in einen Hinterhalt gelockt und umgebracht. Zwei weitere Cousins starben im Gefängnis an der Folter.
Großvater, der nach all dem ganz allein zurückblieb, heiratete in zweiter Ehe meine Großmutter. Sie war eine Überlebende des Massaker von Prapashtië, bei dem fast die ganze Dorfbevölkerung umgebracht worden war. Mit seiner zweiten Frau hatte Großvater drei Töchter und drei Söhne. Einer von ihnen ist mein Vater Shaqir, er trägt den Namen einer seiner hingerichteten Onkel. Vater erzählt, dass die serbische Polizei bei ihnen immer wieder nach Waffen suchte und dass sie seinen Vater und auch ihn, als er größer war, oft auf den Polizeiposten mitnahmen und misshandelten.“
Die Mädchen mit der roten Masche
Der Widerstand gegen die serbische Unterdrückung setzte sich in Hyries Familie von Generation zu Generation fort. Als der Krieg im Winter 1998 in der Region Drenica ausbrach, hatte Hyrie schon Erfahrung mit klandestinen Aktionen. Und so überlegte sie nicht lange, als jemand aus ihrer Gruppe vorschlug, eine UÇK – Mädchengruppe aufzubauen.
„Ich nahm mit Freundinnen Kontakt auf, ich wusste, wem ich vertrauen konnte, und einige schlossen sich der Gruppe an. Wir transportieren mehrmals Material von Prishtinë nach Drenica, Tarnschminke und Material für Uniformen, doch dann wurde ich beschattet und konnte nicht mehr in die Stadt zurück. Ich blieb in Drenica und machte mit einer Gruppe von 18 jungen Frauen eine sechswöchige militärische Ausbildung.“
Hyrie wurde bereits nach einer Woche zur Leiterin der Gruppe ernannt. Das Tagesprogramm war militärisch streng, die jungen Frauen trieben Sport, lernten mit Waffen umzugehen und übten, wie man sich schützt, wenn geschossen wird. Um die Moral zu stärken, sang Hyrie täglich eine Stunde mit der Gruppe. „Ich kenne viele Lieder, auch Kriegslieder, und so bildeten wir Frauen einen Chor. Ich schrieb auch ein Armeelied, und alle Leute vom Dorf kamen, um zuzuhören. Wie sie uns singen hörten und uns in den Uniformen sahen, rannen vielen Tränen übers Gesicht. Wir hatten schwarze Uniformen, weil die am einfachsten zu beschaffen waren, es gab anfänglich zu wenig Uniformen. Später, für die zweite Gruppe, besorgte ich noch rote Maschen, und seit da wurden wir „die Mädchen mit der roten Masche genannt.“
Im August 1998 war Hyrie zum ersten Mal mitten im Kampfgeschehen. „Wir hatten nicht genug Waffen, so gingen wir von der Mädchengruppe nur zu dritt an die Front. Den anderen gab ich den Auftrag die Bevölkerung in den Wald zu evakuieren. Im umkämpften Dorf schossen wir von zwei Positionen aus. Wir kämpften meist am Boden liegend. Ich hatte Angst, aber meine Moral war gut. Wir mussten ums eigene Leben kämpfen, da war es für mich nicht schwierig, auf Menschen zu schießen.
Nach der Offensive gingen wir ins Dorf zurück. Die Hälfte des Dorfes war abgebrannt. Wir fanden zwei Frauen und zwei Männer, die getötet worden waren. Sie waren schlimm zugerichtet. Es waren eine Frau, die Waffentransporte gemacht hatte, und ihre alte Mutter. Sie hatten sich nicht evakuieren lassen. Und die beiden alten Männer waren vorzeitig aus dem Wald zurückgekommen. Es war hart. Aber der Krieg verändert die Menschen. Man wird mit der Zeit immun im Krieg.“
Es folgten Wochen, in denen die Soldatinnen Verwundete pflegten und mangels Munition mit ihrer Einheit den Rückzug antreten mussten. „Wir schliefen in einer kleinen Werkstatt, alle Häuser ringsum waren verbrannt. Wir hatten fast nichts zu essen und kämpften ums Überleben. Zwei Säcke Brot, die wir vorher in einem Maisfeld versteckt hatten, waren zum Glück noch da. Und es gab Peperoni in den Gärten.
Wir waren nur noch etwa fünfzig Soldaten, ein Teil der Truppe hatte sich abgetrennt. So mussten wir jederzeit kampfbereit sein. Damit die serbischen Soldaten wussten, dass wir noch da waren, hissten wir jeden Morgen die Fahne, und ich musste unseren Kommandanten dabei singend begleiten. Irgendwann erreichte uns ein Munitionstransport. Am nächsten Tag gab es Kämpfe, und bis im April 1999 hielten wir die Front.“
In den Hinterhöfen von Gjakovë
Ende März hatte die Nato mit den Bombardierungen begonnen. Hyrie verfolgte die Nachricht im Militärkrankenhaus am Fernsehen. „Wir sind in diesem Moment alle vor Freude aufgesprungen. Aber am nächsten Tag hörten wir, dass die Bevölkerung vertrieben und viele Menschen in den Städten getötet wurden. Kommandant Ramush Haradinaj ließ mich rufen und gab mir den Auftrag, in einem Dorf, das unter UÇK - Kontrolle war, die Vertriebenen zu empfangen. Ich sollte Informationen sammeln über das, was in den Städten passierte und zählen, wie viele Menschen kamen.
Ich fühlte mich sehr schlecht, als ich die vertriebenen Menschen sah. Viele waren sehr verwirrt von den Erlebnissen. Zusammen mit der Bevölkerung organisierten wir Unterkünfte und Nahrung. Meine Kollegen aus Gjakovë waren sehr besorgt um ihre Familienangehörigen. Auch ich wusste nichts über meine Familie. Ich versuchte immer wieder, sie über Satellitentelefon zu erreichen, es klingelte, aber niemand antwortete. Ich stelle mich psychisch darauf ein, dass alle ums Leben gekommen seien. Meine Hoffnung war winzig, dass wenigstens der älteste Bruder und die älteste Schwester, die schon vorher in Deutschland waren, überleben würden.
Junge Soldaten aus Gjakovë entschieden sich, in die Stadt zu gehen, um die Bevölkerung zu schützen. Sie suchten Freiwillige, und ich entschied, mich ihnen anzuschließen. Wir trafen uns am Abend des 28.März, wir waren gut fünfzig Leute, ich war die einzige Frau. Es war eine helle Nacht, der Mond schien, als wir loszogen, wir konnten unsere Schatten sehen, es kam mir vor wie im Film. Zwei Tage und zwei Nächte marschierten wir. Wir mussten durch Wälder gehen und die Stellungen der Serben umgehen. Ich war sehr erschöpft, zeitweise schlief ich im Gehen, und Freunde führten sich an den Armen.
Wir kamen nachts in Gjakovë an. Zwei von uns gingen ein Quartier der Stadt auskundschaften. Wir dachten, wir würden nur wenige Bewohner finden. Aber es waren noch sehr viele in den Häusern versteckt. Sie kamen in die Innenhöfe und zeigten uns, wie wir durch Maueröffnungen von Hof zu Hof gelangen konnten, ohne auf die Straße hinaus gehen zu müssen. Weil wir Durst hatten, klopften wir an eine Haustüre. Eine Frau kam raus und schrie laut, als sie uns in Uniform sah, sie glaubte, wir seien Serben. Als sie den Irrtum bemerkte, fiel sie mir vor Freude in die Arme. Sie holte Wasser und rief Frauen und Kinder, sie sollten kommen, da sei eine UÇK – Soldatin, sie sollten sie anschauen. Die Kinder wollten alle meine Hände anfassen.
In den nächsten Tagen trafen wir uns immer wieder mit der Bevölkerung. So lange wie möglich wollten wir Kämpfe vermeiden und die Menschen beruhigen. Wir versuchten, sie davon abzuhalten, bei jeder Schießerei hinaus auf den Hügel zu rennen, wo sie noch gefährdeter waren. Wir pflegten viele Verwundete.
Tagsüber ging ich in Zivilkleidern in die Stadt, um die serbischen Stellungen auszukundschaften. Die Informationen übermittelte ich dem Kommando, von dort wurden sie an die Nato weitergeleitet. Bei meinen Ausgängen begleitete mich jeweils eine der alten Frauen. Ich tat, als ob ich Brot kaufen ginge. Ich nahm auch im Krankenhaus Kontakt mit Krankenschwestern auf, die mir Medikamente für die Kranken und Verwundeten beschafften. Ab und zu wurde ich unterwegs von serbischen Polizisten oder Paramilitärs provoziert, aber zum Glück wurde ich nie angehalten. Nachts war ich mit den Kollegen uniformiert in der Stadt unterwegs. Wenn Serben auftauchten, gingen wir kurz in Deckung.
In Gjakovë wollten sich viele junge Leute der UÇK anschließen. Doch wir hatten keine Waffen für sie. Wir erfuhren dann von einem Depot mit zehn Gewehren und Munition. Es waren Gewehre, mit denen früher serbische Funktionäre auf die Jagd gegangen waren. Wir wussten, wer den Schlüssel zum Depot hatte, und ich ging mit einer Frau und einem Kind hin und verlangte den Schlüssel. Der Mann, ein Albaner, gab ihn uns sofort. In derselben Nacht bin ich mit sechs Kollegen die Gewehre im Depot holen gegangen. Es war nicht viel, aber wir konnten immerhin zehn Leute bewaffnen.
Am nächsten Tag, dem 7.Mai, klopften serbische Soldaten an das Tor des Hofes, wo wir uns aufhielten. Wir antworteten mit Schüssen. Wir kämpften den ganzen Tag. In der Nacht mussten wir uns zurückziehen, weil wir keine Munition mehr hatten. Nur ein Teil unserer Gruppe blieb in der Stadt.
Es war ein sehr anstrengender Rückzug mit den Verwundeten. Ein Kollege starb unterwegs, weil er sehr viel Blut verloren hatte. Wir beerdigten ihn in Ehren, obwohl es schwierig war ohne Werkzeug. Wir gruben das Grab mit den Bajonetten und den Händen.“
Verlustreiche letzte Kriegswochen
Nach dem Rückzug aus Gjakovë kämpfte Hyrie mit ihrer Einheit in einer Region an der Grenze zu Albanien. Auch dort kundschafteten sie wieder die Positionen des serbischen Militärs aus und leiteten die Meldung an die Nato weiter. Der Weg zurück zum Kommando war inzwischen fast unmöglich geworden wegen der serbischen Stellungen. „Wir marschierten vierundzwanzig Stunden lang, pausenlos. Im gefährlichsten Gebiet mussten wir nachts durch einen dichten Wald gehen. In der Dunkelheit verloren wir den Weg. Bei einem unserer Gewehre löste sich durch eine Berührung mit einem Ast ein Schuss. Wir wussten nicht, was passierte, und warfen uns alle zu Boden. Darauf hörten wir Schüsse serbischen Militärs ganz aus der Nähe. Ich hatte Schusslöcher in meinem großen Rucksack, und zwei unserer Soldaten waren verwundet, nicht schwer, aber es war schwierig für sie, weiterzugehen. Schließlich kamen wir zur Front, doch wir waren noch auf der serbischen Seite der Front, die UÇK – Kollegen schossen in unsere Richtung.
Ich war völlig erschöpft, als wir bei unseren Leuten ankamen, aber überglücklich, dort meine beste Freundin wieder zu treffen.
In dieser Zeit gab es täglich Kämpfe, es war Anfang Juni, die letzten Kriegstage, aber wir wussten noch nicht, dass es die letzten waren.
Ich hatte schmerzende, geschwollene Füße und ging ins Militärkrankenhaus, um mich pflegen zu lassen. Gleichzeitig wurde eine Schwerverwunderter eingeliefert, es war ein alter Studienfreund von mir. Er lebte noch vier Tage. Als er starb, hatten die Kämpfe bereits aufgehört. Es war sehr traurig, dass er, der seit Anfang des Krieges gekämpft hatte, noch am letzten Kriegstag sterben musste.“
Die schwierige Rückkehr ins Zivilleben
Ein Helikopter der Nato war für Hyries Einheit das Zeichen, dass der Krieg zu Ende war. Hyrie ging mit einer Gruppe von Soldaten in die Stadt Pejë. „Ich verspürte in diesem Moment keine große Freude“, beschreibt sie ihre damaligen Gefühle. „In den letzten Kriegstagen waren viele Freunde gestorben. Wir waren verhärtet. Wir konnten kaum Freude empfinden. Die Freude kam bei mir erst, als ich die Familie wiedersah. Aber ich ging nicht sofort nach Hause. Von der älteren Schwester hatte ich gehört, dass meine jüngere Schwester auch drei Monate in der UÇK gewesen war und überlebt hatte und dass die ganze restliche Familie in Prishtinë geblieben war und ebenfalls lebte.
Es war schwierig für mich, ins Zivilleben zurückzukehren. Ich hatte keine Lust, die Familie sofort zu sehen, es reichte mir, zu wissen, dass alle lebten. Erst als ich wieder häufiger nach Hause ging, fühle ich die gleiche Liebe wie früher.
Ich hatte am Anfang Mühe, mich wieder als Frau zu benehmen. Alle sagten mir, ich handle wie ein Mann. Ein Freund kaufte mir ein Kleid, ich selbst hatte kein Geld. Ich fühlte mich aber ganz schlecht in diesem Kleid, ich kam mir vor wie ein Mann in Frauenkleidern. Ich hatte einen männlichen Gang.“
Pejë war stark zerstört und wie ausgestorben, als Hyrie und ihre UÇK – Kollegen dort ankamen. Sie übernahmen sofort die Verwaltung der Gemeinde. Bis im März 2000 leitete Hyrie das Informationsbüro. „Ich gab Informationen über die Situation in der Region ans albanische Fernsehen weiter, und ich rief die Bevölkerung auf, in die Stadt zurückzukehren. Die UNMIK wollte eine zivile Verwaltung, und wir brauchten Gemeindepersonal. Als die Leute zurückkamen, stellten wir die entsprechenden Berufsleute an. Ich gab auch eine Lokalzeitung heraus, die „Gazetta edu Dukagjinit“ – das ist der Name der Region.
Im Frühjahr hatte ich dann das Bedürfnis, bei meiner Familie in Prishtinë zu leben. Es gab nun in Pejë wieder zivile Gemeindestrukturen. Eund ich wollte erneut in der Armee dienen – für uns ist die TMK, die Kosova – Verteidigungstruppe, die Armee, auch wenn die UNMIK sie eine zivile Truppe nennt. Es wurde jemand für das TMK – Informationsbüro in Prishtinë gesucht, dort arbeite ich jetzt. Ich bin zuständig für Information, Kultur und Bildung.“
Bei dieser Informationsarbeit geht es stark um die Pflege des Patriotismus, um Veranstaltungen zum Andenken an die Kriegshelden und um historische Gedenktage. Hyrie ist eine überzeugte Patriotin, die ihre Aufgabe mit Leib und Seele erfüllt. Sie lädt mich zu einer von ihr organisierten Veranstaltung für die ehemaligen UÇK – Soldatinnen ein. Es ist seit Kriegsende vor anderthalb Jahren das erste Treffen. Schwarz gekleidet und mit einer roten Masche am Pullover versammeln sich über hundert Frauen im großen Saal des „Hotel Grand“ in Prishtinë. Viele der ehemaligen Soldatinnen sind blutjung. Eingeladen sind auch die Familienangehörigen, ein paar ehemalige UÇK – Kommandanten und Frauen, die nicht in Uniform kämpften, aber die UÇK während des Krieges als Materialtransporteurinnen, als Sockenstrickerinnen und Meldeläuferinnen unterstützten.
Es werden Reden gehalten und Tagebuchausschnitte und Briefe von gefallenen Soldatinnen vorgelesen. Ein etwa zehnjähriges Mädchen in Tarnuniform und schwarzer Baskenmütze rezitiert mit Ernst und Inbrunst das Gedicht „Testament des Soldaten“. Von einem UÇK – Kommandanten erhält es darauf eine Urkunde für seine Tapferkeit: Das Mädchen hatte während des Krieges der UÇK – Einheit an seinem Wohnort jeweils gemeldet, wo sich die Serben befanden.
Der Krieg ist vorbei, die Kampfgefährtinnen und –gefährten haben die UÇK – Uniform abgelegt. Es gilt jetzt, Kosova wieder aufzubauen. Für Hyrie ist allerdings das politische Ziel, für das sie kämpfte, noch längst nicht erreicht. Sie träumt weiterhin vom unabhängigen Kosova, und sie wird sich weiterhin mit allen Kräften dafür einsetzen.
Die Geschichte Hyrie Veliu aus dem Buch "Frauen in Kosova".
Begegne dem Menschen mit gutem Charakter.