Do, 29. Mai 2008, 7:51
Gjon Buzuku: Opfer der Inquisition?
Robert Elsie
Man weiß wenig, leider viel zu wenig über den Verfasser des ersten albanischen Buches. In einem Nachwort gibt uns der Verfasser über sich und sein albanisches Messbuch aus dem Jahre 1555 lediglich folgende Auskünfte. “Nachdem mir des öfteren bewusst wurde, dass es in unserer Sprache nichts Verständliches aus der Heiligen Schrift gibt, wollte ich, Don Gjon, Sohn des Benedikt Buzuku, zum Wohl unseres Volkes [unserer Welt?] versuchen, soweit ich imstande war, den Verstand derjenigen zu erleuchten, damit diese begreifen vermögen, wie erhaben und mächtig und barmherzig sich unser Herr denjenigen zeigt, die ihn aus dem ganzen Herzen lieben. Ich flehe Euch vom heutigen Tag an, dass Ihr öfters in die
Kirche geht, um das Wort Gottes zu hören. Wenn Ihr dies tut, möge unser Herr Erbarmen mit Euch haben. Diejenigen, die bis jetzt gelitten haben, werden nicht mehr leiden. Möget Ihr die Auserwählten unseres Herrn sein, und unser Herr wird stets mit Euch sein, wenn Ihr Gerechtigkeit nachgeht und Ungerechtigkeit vermeidet. Indem Ihr dies tut, wird der Herr Euch Zuwachs gewähren, denn eure Ernte wird bis zur Weinlese andauern und die Weinlese wird bis zur Aussaat andauern. Nun möchte ich, wenn Gott es so will, mein Werk hiermit beenden. Ich begann es im Jahre 1554 am
20. März und beendete es im Jahre 1555 am 5. Januar. Wenn es irgendwo zufällig Fehler geben sollte, so bin ich daran Schuld. Derjenige, der gebildeter ist als ich, möge sie verbessern. Es wäre für mich auch keine Überraschung, wenn ich Fehler begangen hätte, da dies das erste Werk ist [und war] groß und schwer in unsere Sprache zu übertragen. Diejenigen, die es gedruckt haben, hatten große Mühe und konnten daher nichts anderes tun als Fehler begehen, denn ich konnte nicht immer dabei sein. Da ich eine Kirche zu führen hatte, hätte ich an beiden Orten dienen
müssen. Und nun empfehle ich mich allen. Betet für mich zu dem Herrn.”
Es wird allgemein angenommen, dass Gjon Buzuku nicht in Albanien lebte, sondern irgendwo im nördlichen Adriagebiet der Republik von San Marco, vielleicht in oder um Venedig oder Friaul, wo sich nach der osmanischen Eroberung von Shkodra im Jahre 1479 Flüchtlinge aus Albanien angesiedelt hatten. In Venedig oder in einer anderen
norditalienischen Stadt hätte Buzuku bei weitem größere Chancen als in Albanien gehabt, sich als Mensch und als Priester zu bilden. Man geht heutzutage davon aus, dass das erste albanische Buch in Venedig gedruckt wurde, obgleich andere Druckorte - etwa in Norditalien oder an der dalmatinischen Küste - nicht auszuschließen sind. Der genaue Druckort könnte möglicherweise durch eine Untersuchung des Papiers bzw. des Wasserzeichens bestimmt werden, was meines Wissens noch nie
gemacht wurde. Mitte des 16. Jahrhunderts gab es in oder um Albanien keine katholischen Druckereien, daher kann man mit großer Wahrscheinlichkeit Albanien als Druckort ausschließen. Wohl veröffentlichte die Orthodoxe Kirche an verschiedenen Orten in der
Region serbischsprachige Bücher in kyrillischer Schrift, etwa im montenegrinischen Obod 1483 und Cetinje 1494, in Graçanica in Kosova 1539 und sogar in Shkodra 1563. Verwendet wurden hierfür in erster Linie Druckmaschinen aus Venedig. Angesichts der großen Rivalität
zwischen der katholischen Westkirche und der Orthodoxen Ostkirche scheint es unwahrscheinlich, dass die dortige serbischorthodoxe Kirchenleitung katholische Bücher auf albanisch gefördert oder gedruckt hätte. Das albanische Messbuch des Gjon Buzuku wurde in einer in Norditalien verwendeten gotischen Schriftart mit lateinischen Buchstaben gedruckt. Für einzelne Buchstaben, die im Italienischen bzw. im Lateinischen nicht vorkamen, verwendete man fünf zusätzlichen
Zeichen kyrillischen Ursprungs. Buzuku bzw. die Drucker müssen also mit Schriften auf serbokroatisch in Kontakt gewesen sein, insbesondere mit der in Bosnien verwendeten Bukvica-Schrift. Die in dem Messbuch verwendete Schriftart entspricht am ehesten einer in Venedig in den Jahren 1523 und 1537 verwendeten Schrift. Dort wurden damals für
bosnische Katholiken Messbücher in kyrillischer Schrift herausgegeben. In seiner Studie Recherches sur les anciens textes albanais (Paris 1932) vertritt der französische Gelehrte Mario Roques (1875-1961) die Auffassung, dass Buzuku von den slawischen Katholiken Bosniens, Dalmatiens und Serbiens nicht nur die kyrillischen Buchstaben und die
venezianische Typographie entlehnt hatte, sondern auch durch die vorgegangenen südslawischen Veröffentlichungen überhaupt auf den Gedanken kam, dass auch seine Landsleute ein Messbuch in eigener Sprache brauchten. Roques erkennt auch inhaltliche Übereinstimmungen zwischen Buzukus albanischem Messbuch und einem im Jahre 1512
gedruckten bosnischen Messbuch, sowie Kultverbindungen zu den Franziskanern. Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist das ungewöhnliche Vorkommen von Heiligen, die entweder Franziskaner waren oder von den Franziskanern besonders verehrt wurden,
etwa der Heilige Ludwig von Toulouse (Segnti Lodouich), die Heilige Klara von Assisi (Segnteia Clara, ca. 1194-1255), die Heilige Elisabeth von Thüringen (Segnteia Elisabete, 1207-1235), der Heilige Bonaventura (1221-1274), der Heilige Antonius von Padua (1195-1231, Segnti Enduoh hi Paduesse) und der Heilige Bernardin von Sienna (1380-1450). Gegen
eine engere Verbindung zu den Franziskanern spräche allerdings die Bezeichnung Don, der Buzuku in seinem Nachwort für sich verwendet (“U doni Gjoni”). Bei den Franziskanern ist diese Bezeichnung nicht üblich.
Besonders spannend und rätselhaft ist die Entstehungsgeschichte des ersten albanischen Buches, vor allem weil nur ein Exemplar des Buches überliefert wurde. Dieses einzige uns bekannte Exemplar wurde im Jahr 1743 - anscheinend per Zufall - in der Bibliothek der Kongregation zur Verbreitung des Glaubens (Congregatio de Propaganda Fide) entdeckt.
Sein Entdecker, der Jesuitenpater Johannes Nicolevich Casasi (1702-1752) aus Gjakova, der in seiner Eigenschaft als Erzbischof von Skopje in Rom auf Besuch war, beschrieb den alten Band als: “ein durch die Jahre völlig abgenutztes, albanisches Messbuch.” Casasi ließ eine Kopie von Textauszügen machen, die er dem Gründer des Albanerseminars von Palermo, Giorgio Guzzetta (1682-1756), schickte. Am Ende des 18. Jahrhunderts befand sich das Messbuch in den beträchtlichen Beständen des Kardinals Stephan Borgia, und landete später in der Bibliothek des Vatikans. Manche Beobachter haben sich über die Seltenheit des albanischen Messbuches von Gjon Buzuku und überhaupt über den Mangel albanischsprachiger Bücher im 16. Jahrhundert gewundert. Die Ursache für diese Seltenheit liegt in der Geschichte der Katholischen Kirche. Die Einstellung der Kirche zu religiösen Veröffentlichungen, insbesondere zu Veröffentlichungen in Volkssprachen, d.h. nicht auf Latein, schwankte sehr in und nach den Jahren des Tridentinischen Konzils (1545-1563). Im Geist einer dringend benötigten Reform befürwortete die Kirche anfänglich die Übersetzung von Kirchenschriften in den Volkssprachen. Bald darauf aber änderte sie ihre Haltung. In Rückbesinnung auf die traditionelle katholische Lehre der Gegenreformation, die der italienischen Renaissance ein Ende machte, und in der allgemeinen Atmosphäre von Einschüchterung, die während der
Inquisition herrschte, wurden die gleichen, früher geförderten Bücher auf den Index (Index librorum prohibitorum) gestellt und dadurch verboten.
Besonders streng waren der Index des Jahres 1554-1555 und der Index des Jahres 1559 unter Papst Paul IV. (r. 1555-1559). Um Grendler zu zitieren: “Die venezianische Fassung des neuen Indexes [von 1554-1555] verbot die opera omnia von ca. 290 Autoren, viermal so viel wie sein Vorgänger, sowie viele einzelnen Titel... Nachdem der Index des Jahres 1554-1555 zurückgezogen wurde, griff das Heilige Offizium in Venedig auf einzelne Dekrete zurück... Am 22. August 1558 wurden siebenundfünfzig Verleger vom Heiligen Offizium vorgeladen, wo sie erfuhren, dass Ihnen verboten worden war, die Heilige Schrift in irgendeiner
Volkssprache zu veröffentlichen... Der neue Index wurde im Januar 1559 in Rom vorgestellt und veröffentlicht. Dieser Index von Paul IV. verbot die opera omnia von ca. 550 Autoren, doppelt so viel wie der Index des Jahres 1554-1555, und dazu viel mehr einzelne Titel. Der Index von Paul IV. führte nach Italien eine besondere Eigenschaft früherer nordeuropäischer Indexe ein: er verbot ausdrücklich beinah sechzig Editionen und Ausgaben der Bibel. Er verbot hinzu auch den Druck oder gar den Besitz von Bibeln in Volkssprachen ohne Genehmigung der Inquisition. In Rom zur Zeit von Paul IV., wo sogar die Kardinäle aus Angst vor der Inquisition die Zunge hielten, gab der neue Index Anlass zu Empörung und führte zur Vernichtung vieler Bücher.” Wenn die Kirche die Veröffentlichung von Kirchenschriften in bekannten Volkssprachen wie das Italienische, das Spanische und das Französische so vehement unterdrückte, kann man davon ausgehen, dass sie Bücher in seltenen, nicht allgemein verständlichen Sprachen wie das Albanische um so strenger bekämpfte. Kurz nach seiner Fertigstellung stellte das
Messbuch des Gjon Buzuku eine Herausforderung für die reine Kirchenlehre, ja eine Häresie, dar und musste verschwinden.
Nicht nur das. Bald darauf wurde das Messbuch des Gjon Buzuku inhaltlich veraltet und überflüssig. Im Jahre 1563 bestimmte eine Verordnung in den Schlussdokumenten des Tridentinischen Konzils, dass die zwei wichtigsten liturgischen Texte der Kirche, das Brevier und das Messbuch, neu bearbeitet werden sollten. Die neu gestalteten Fassungen dieser Texte
erschienen im Jahre 1566 zusammen mit einem neuen Katechismus. Nach Grendler wieder: “Der Heilige Stuhl verkündete diese Werke mit einer päpstlichen Bulle, die die Erscheinung der neuen Schriften begrüßte, sie für den Kirchengebrauch in der ganzen katholischen Welt vorschrieb, und gleichzeitig alle ältere Fassungen verbot.” Auch wenn die Inquisition das
Messbuch des Gjon Buzuku übersehen haben sollte, was sehr unwahrscheinlich erscheint, wäre das Werk schon acht Jahre nach seiner Verfassung unbrauchbar gewesen. Bekannt ist, dass während der darauf folgenden dreißig Jahre, d.h. im Zeitraum zwischen 1568 und 1598, viele liturgische und sonstige Kirchenschriften unterdrückt bzw. aus dem
Verkehr gezogen wurden. Das Schicksal des albanischen Messbuches wurde damit endgültig besiegelt. Angesichts des Einflusses des Tridentischen Konzils und der Inquisition, die gerade zu Lebzeiten des Gjon Buzukus ihren Höhepunkt erreicht hatte, ist es schon ein
Wunder, dass ein Restexemplar des albanischen Messbuches uns überhaupt erreicht hat. Alles in allem ist es klar, dass das erste albanische Buch ein Opfer der Inquisition wurde. Was aus seinem Verfasser wurde, wissen wir nicht.