Kosovo
Auf den Spuren des Krieges
Manuskript des Beitrages vom 29.01.2006
von Mathias Schaefer
Jeden Tag riskieren die Minensucher im Kosovo ihr Leben. Akribisch suchen sie die Kriegsschauplätze ab, die Angst vor Explosionen sitzt dabei immer im Nacken. Doch sie wissen, jede entschärfte Granate wird Menschen retten.
Der Metalldetektor schlägt an. Valdrin Hussaje muss Ruhe bewahren. Eine falsche Bewegung kann den Kosovo-Albaner das Leben kosten. Im weichen Boden liegt eine Streubombe – 7 Jahre nach Abwurf noch immer scharf. Minutenlang hockt Valdrin auf Augenhöhe mit dem Blindgänger, jeden Wimpernschlag hellwach, ohne an das eigene Leben zu denken:
O-Ton: Valdrin Hussaje, Minentrupp
"Hinter jeder gefundenen Bombe sehe ich ein lächelndes Kind, dessen Leben ich vielleicht gerettet habe."
Aus sicherer Entfernung bereitet Valdrin die Sprengung vor. 200 Streubomben hat er im vergangenen Jahr aufgespürt, aber noch immer schlummern im Kosovo zehntausende Minen und Blindgänger – hochexplosive Spuren des 79 Tage andauernden Krieges. Zur gleichen Zeit in der Zentrale der Minenräumer. Hier sitzt Saranda Kastrati. Vor 4 Jahren räumte die Kosovo-Albanerin selbst Minenfelder. Ein einziger Augenblick Unachtsamkeit kostete sie das rechte Bein:
O-Ton: Saranda Kastrati
"Es passierte draußen nach dem Einsatz. Ich war müde und unkonzentriert. Als ich das Minenfeld absperrte, trat ich einen Schritt über den gesicherten Boden hinaus. Und genau dort lag eine Mine."
Seitdem kümmert sich Saranda um das Büro der privat mit Spendengeldern finanzierten Minenräumer – mitten in Peja, einer vom Krieg gebeutelten Stadt im Südwesten des Landes. Frieden und Normalität sind dank UNO und KFOR-Truppen zurückgekehrt. Doch von rund 2 Milliarden Euro Hilfe werden bislang nur Wohnhäuser wieder aufgebaut, Industrie liegt brach. Nur jeder 4. hat Arbeit, die anderen schlagen sich irgendwie durch.
Der Minenunfall hat Saranda Kastrati's Leben aus der Bahn geworfen. Am rechten Bein trägt sie eine Prothese. Damit kommt die junge Frau klar. Schlimmer sind Bemerkungen ihrer Mitmenschen. Sie hätte ihr Leben für den riskanten Job weggeworfen, hört Saranda beinahe täglich. Die 30-Jährige ist allein stehend. Im islamischen Kosovo will kein Mann eine behinderte Frau. Rückhalt gibt ihr die Familie. Zusammen mit Vater und 2 ihrer 7 Schwestern wohnt Saranda im frisch renovierten Elternhaus. Der Familie geht es gut, nicht zuletzt weil sie wie ihre aktiven Kollegen rund 400 Euro im Monat verdient. Im Kosovo ist das kein schlechtes Gehalt, ihr verlorenes Bein kann aber kein Geld der Welt ersetzen. Der Schock über die Verletzung saß tief. Ein Jahr lang quälten sie Schmerzen, dann begann die willensstarke Saranda wieder zu laufen. Ihre ersten Schritte führten geradewegs in das Büro der Minenräumer.
O-Ton: Saranda Kastrati
"Ich bin auf eine Mine getreten, ja klar, aber ich gebe jetzt erst recht nicht auf, andere Menschen davor zu bewahren."
Zu tun gibt es genug. Die Angst vor Kriegswaffen ist im Kosovo längst nicht gebannt. Minenfunde nehmen sogar wieder zu, weil zurückkehrende Flüchtlinge für ihre jungen Familien Häuser bauen. Schachten sie Fundamente aus, explodieren versteckte Minen. Drei Zivilisten sind kürzlich ums Leben gekommen, 13 weitere verstümmelt.
Dienstbesprechung am nächsten Morgen. Regelmäßig impft Valdrin seinem 10-köpfigen Team von Kosovo-Albanern den exakten Umgang mit Sprengmitteln. Informationen über Abwurfzonen und Minenfelder zieht der Einsatzleiter aus Militär-Akten. Von serbischer Seite bekommen die Minenräumer aber allzu oft nur schlampige Skizzen. Detektivarbeit unter Landsmännern gehört deshalb zum Job des Einsatzleiters. Auf der Suche nach Brennholz finden die Bewohner der Bergdörfer immer wieder Minen oder Restmunition. Allzu oft mit tragischem Ausgang. Seine Besuche verbindet Valdrin mit Aufklärungsarbeit. Wann diese ständige Bedrohung einmal enden wird, will Tahir Zejmi wissen, aber Valdrin schafft es nicht, den Dorfchef mit Worten zu beruhigen. Der 25-Jährige weiß allzu gut, wie tief Angst und Leid in diesem Dorf verwurzelt sind:
O-Ton: Valdrin Hussaje
"Als sich die Serben zurückzogen, verminten sie die leeren Häuser der Flüchtlinge mit so genannten "Boobytrabs". Sprengladungen wurden an Lichtschalter gekoppelt, so dass diese beim Einschalten explodierten. Aber auch nach dem Betätigen der Toilettenspülung detonierten Minen."
Der Krieg bleibt allgegenwärtig. Entlang der Bergstraße, die Valdrin zum Basislager führt, haben NATO-Bomber erstmals in einem Krieg massiv Streubomben abgeworfen. Die Minenräumer vermuten hier oben mehrere hundert Blindgänger, verteilt auf eine Fläche von 50 Fußballfeldern. Dieses Gebiet zu räumen, ist zeitaufwendig. Nur 7 bis 10 Streubomben entdeckt Valdrins Team am Tag. Um die zu vernichten, erhält der Einsatzleiter ausschließlich von der U.N. Übergangsverwaltung Sprengstoff. Jede Detonation muss peinlich genau angemeldet werden. Die Sprenggenehmigung ist erteilt, der Aufstieg zum Einsatzgebiet beginnt. 40 Minuten lang stiefeln die Minenräumer durch schlammigen Boden. Den Pfad von 2 Meter Breite haben sie gesichert, ein Schritt daneben bedeutet Lebensgefahr. Dessen sind sich alle bewusst. Valdrin geht hier hinauf, um Menschenleben zu schützen - um irgendwann nicht das eigene Kind an eine Mine zu verlieren.
http://www.mdr.de/windrose/archiv/2447688.html

