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Tradition der Verweigerung

Verfasst: Fr, 18. Jan 2008, 22:34
von Clotaire
Sommer 1991: Ein Deserteur auf der Flucht vor dem Balkankrieg und die Behörden in Klagenfurt

Bei einer meiner Reisen in das Kosovo lernte ich im Sommer 1994 die albanische Familie Vranovce aus Gnjilane (alb. Gnjilan) kennen. Ihr ältester Sohn lebte damals seit drei Jahren als Asylwerber in Österreich.

Juni 1991: Der 19-jährige Blerim leistet gerade seinen Wehrdienst bei der Jugoslawischen Volksarmee ab, als in Slowenien die bewaffneten Auseinandersetzungen ausbrechen. Blerim war in Jesenice an der österreichisch-jugoslawischen Grenze eingesetzt. Zwei Monate hätten ihm noch gefehlt bis zu seiner Entlassung.Eigentlich hatte er nach dem Wehrdienst ein technisches Fach studieren wollen ...

Als er von den ersten Kämpfen in Slowenien erfuhr, entschied der unfreiwillige Soldat: "Das ist nicht mein Krieg. Ich werde nicht kämpfen".

Die Buchstaben ...

Eine schwere Entscheidung: Auf Desertion im Kriegsfall stand bei der JVA die Todesstrafe. Zusammen mit zwei albanischen Kameraden aus Mazedonien wagt er schließlich die Flucht: nach Norden, nach Österreich. Die drei sind auf Patrouille in ihrem Grenzabschnitt, bei einbrechender Dunkelheit beginnen zu laufen und hören damit nicht mehr auf. Immer weiter nach Norden. Es sind die steilen und gefährlichen Berge des Loibl-Passes.

Als Grenzsoldaten kennen sie das Gelände gut, zumindest auf jugoslawischer Seite. Irgendwo unterwegs werfen sie ihre Waffen weg. Hinter der Bergkuppe, sie hoffen, schon auf österreichischem Boden, verbringen sie, in eine Bodenwelle gekauert, eine kalte Nacht. Als es hell wird , steigen sie ins Tal ab. Einem Jäger geben sie sich zu erkennen. Der Mann erschrickt fast zu Tode, als er die drei Uniformierten - mit erhobenen Händen - vor sich sieht. Aber er versteht die Situation schnell, auch ohne gemeinsame Sprache: Deserteure aus Jugoslawien. Dort hat ja vor wenigen Tagen der Krieg begonnen. Er setzt sie in seinen Jeep und fährt sie in die Kaserne von Spital an der Drau.

Es war der 29. Juni 1991.

Für einen Auslandsreport machte ich mich dann drei Jahre später in Kärnten auf die Suche nach dem albanischen Asylwerber. Wir wollen seine Flucht nachdrehen, seine Asyl-Chancen recherchieren.

Als ich Blerim im Oktober 1994 in Klagenfurt kennenlerne, hat er gerade den vierten negativen Bescheid über seinen Asylantrag erhalten. Kriegsdienstverweigerung sei in Österreich kein Asylgrund. Albaner gehörten nach Albanien, erklärten ihm die Beamten in Klagenfurt.

... des Gesetzes

Außerdem existiert Jugoslawien nicht mehr und kann daher keinen Krieg führen. Logisch. Blerim trifft allerdings auch auf Verständnis. Sogar der Leiter der Klagenfurter Fremdenpolizei attestiert ihm vorbildliches Verhalten, allerdings habe der junge Mann die österreichische Rechtslage gegen sich.

Blerim hat in diesen Jahren recht gut Deutsch gelernt. Seine Pensionswirtin stellt ihm das beste Zeugnis aus, ebenso der Chef der Klagenfurter Großbäckerei, in der er Arbeit gefunden hat. Blerim sei ein guter Arbeiter, fleißig, genau, pünktlich, sauber; das hat er auch bei der Fremdenpolizei gesagt, und auch, dass er ihn gerne behalten würde. Blerim macht viele Überstunden, damit er möglichst viel Geld nach Hause schicken kann. Er unterstützt damit seine ganze sechsköpfige Familie, da sein Vater bei der Aufhebung der kosovarischen Autonomie im Jahr 1990 als albanischer Lehrer entlassen worden war. Das meiste Geld, das er für sich behält, braucht er für die Anwälte, die sich um seine Asylanträge kümmern sollten.

Erfolglos, wie sich herausstellte, Blerim tauchte später in Deutschland unter, wo schon seine Schwester und einige seiner Cousins als U-Boote lebten.

Alle Kosovo-Albaner wussten, dass man sie im serbischen Krieg gegen die anderen Republiken als Kanonenfutter an vorderster Front einsetzen würden. Oft wurden sie vorausgeschickt, um Minenfelder zu klären. Immer mehr Albaner im wehrfähigen Alter tauchten unter oder flohen ins Ausland. 17.000 waren es zu diesem Zeitpunkt.

Kein Einzelschicksal

Oft waren junge Albaner aus der Armee in Bleisärgen ihren Eltern zurückgeschickt worden, offiziell waren sie an Herzversagen und Lungenentzündung gestorben, in Wirklichkeit an Folterungen bei Militär oder Polizei.

Die in Prishtina ansässige Liga für Menschenrechte hatte in den Jahren 91 - 94 66 solcher Fälle dokumentiert. Ich habe Einsicht in die Dokumentation bekommen und daraufhin einige dieser U-Boote im Kosovo besucht, zum Beispiel den 21 jährigen Fadil B.: Er war 91 und 92 in Bosnien im Einsatz gewesen und nach einem Urlaub nicht mehr zu seiner Truppe nach Banja Luka zurückgekehrt. Seit zwei Jahren hatte er sich versteckt gehalten, er hat 15 kg abgenommen, ist ein Nervenbündel, bei jeden Geräusch vor dem Haus zuckt er zusammen, ständig wechselt er die Wohnungen, damit ihn die Miliz nicht findet.

Auf Desertion standen damals mindestens fünf Jahre Gefängnis, die manche auch nicht überlebten. Wenn die serbischen Behörden einen Wehrpflichtigen nicht fanden, nahmen sie stattdessen oft auch Verwandte als Geiseln mit, die dann die Familie um viel Geld auslösen musste. Auch Ausreisevisa ließen sich die Milizionäre teuer abkaufen, was auch zu einer Dauererpressung der albanischen Familien führte.

Das alles waren Fakten und keine Gerüchte. Die Dokumentation der Liga für Menschenrechte lag auch dem Europarat vor, bei dem albanische Anwälte die Situation der Kosovo-Albaner im serbischen Heer darlegten.

Blerim Vranovce in Klagenfurt hatte auch angesichts solcher Fakten keine Chance, in Österreich Asyl zu erhalten. Wehrdienstverweigerung, um vielleicht den Krieg zu verkürzen und die Opferzahl zu senken oder auch nur, um sein eigenes Leben zu retten, das waren vor dem Gesetz keine Argumente.

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