Vom Massenquartier in den Mercedes
Verfasst: Do, 10. Jan 2008, 19:14
Vom Massenquartier in den Mercedes
Wie Arigona war Florin Ramadani eingewandert - Vom Pflegehelfer arbeitete er sich zum Arzt hoch - obwohl die Fremdengesetze dagegensprachen
Wie Arigona Zogaj war Florin Ramadani aus dem Kosovo eingewandert. Vom Pflegehelfer arbeitete er sich zum leitenden Arzt hoch - obwohl die Fremdengesetze dagegensprachen - Von Gerald John
Wels - Florin Ramadani kroch unter den Koffer. Wie ein Zelt hatte er ihn auf dem Bett aufgeklappt, um sich, als einer von 16 Gastarbeitern im Zimmer, vor dem Wasser zu schützen. Mit jedem Tropfen, der durch das lecke Dach des oberösterreichischen Gasthauses auf seinen Schlafplatz klatschte, wuchs Ramadanis Verzweiflung. "Das war meine erste Nacht in Österreich", erzählt er, "und zugleich die längste meines Lebens."
Heute, 17 Jahre danach, parkt Ramadani seinen Mercedes vor einem großzügigen Einfamilienhaus. Daheim warten die Frau und drei Kinder, in der Arbeit neue Herausforderungen. Der gebürtige Albaner, einst aus dem Kosovo eingewandert wie Arigona Zogaj, entspricht so gar nicht dem Klischee des herumlungernden Flüchtlings, den der Staat ewig durchfüttern muss. Seit dem neuen Jahr leitet der Arzt - vorerst interimistisch, bald wohl auf Dauer - die Unfallabteilung des Spitals von Wels, hierzulande die größte ihrer Art. Aber nicht, weil ihm das offizielle Österreich das Tor weit geöffnet hätte, eher im Gegenteil. "Ich musste hart kämpfen", sagt Ramadani.
Gewehr an der Schläfe
Der Kosovo zu Beginn der Neunziger. Der jugoslawische Präsident Slobodan Miloseviæ hat der Provinz die Autonomie aufgekündigt, die Albaner lehnen sich gegen Diskriminierungen auf. Während er im Spital serbische Milizionäre behandelte, erzählt Ramadani, hätten ihm andere das Gewehr an die Schläfe gedrückt und makabre Späße getrieben. Als ihn Soldaten aus der Uni-Klinik von Prishtina werfen, verlässt der junge Mediziner auch das Land.
Nach einem Abstecher zum Bruder in die Schweiz, wo er einen Fernsehbericht über den angeblichen Ärztemangel in Österreich sieht, sitzt Ramadani im Zug nach Osten. Nicht als Asylwerber, dieser Status schreckt den selbstbewussten Flüchtling irgendwie ab, sondern als normaler Zuwanderer. Weil eine Studentin in seinem Abteil zufällig in Wels aussteigt, versucht er sein Glück in Oberösterreich und landet in einem Massenquartier in Grieskirchen. Ramadani lebt von Fischkonserven und Semmeln vom Vortag, die er beim Bäcker extra verlangt, weil ein Netz statt fünf nur drei Schilling kostet. Und verschlingt täglich die Zeitung, um sich die ersten Brocken Deutsch beizubringen.
Nur Platz für Vastic
Weil er nicht ewig vom Taschengeld des Bruders leben kann, sucht Ramadani Arbeit. Ein Linzer Krankenhaus wimmelt ihn ab, in Wels erbarmt sich eine Ordensschwester und vermittelt einen Job als Pflegehelfer. "Nur die Putzfrauen standen in der Hierarchie noch unter mir", erinnert sich Ramadani und berichtet von gezielten Demütigungen durch manche Kollegen. Wenn er, der Arzt, Pflegern einen guten Tipp geben wollte, keiften die mitunter zurück: "Du wisch lieber zusammen!"
Es gibt aber auch andere. Vorgesetzte, wie den Ex-Chef der Unfallabteilung, die den ehrgeizigen Zuwanderer fördern. Ramadani schafft die Prüfungen für die Anerkennung seines Studiums und absolviert einen Turnus als Unfallchirurg. Ein solcher könnte im Kosovo noch gebraucht werden, ahnt er. Doch dann, nach gut vier Jahren, lernt der Aufsteiger die Tücken der Fremdengesetze kennen. Für die Verlängerung seiner Arbeitserlaubnis hätte er die Staatsbürgerschaft gebraucht, erzählt Ramadani: "Doch das Land Oberösterreich hat viermal abgelehnt." Weil der Kosovoalbaner nach den Buchstaben des Gesetzes zu kurze Zeit im Land ist; da mögen noch so viele Politiker die Bedeutung ausländischer Schlüsselkräfte gewürdigt haben.
Weitblick der Behörden
Ramadani ärgert sich, dass dem Fußballer Ivica Vastic die Staatsbürgerschaft zur selben Zeit nachgeworfen wird und stellt sich auf eine - endgültige - Rückkehr in den Kosovo ein. Dass er heute noch hier ist, verdankt er nicht dem Weitblick der Behörden, sondern privaten Fürsprechern wie einigen Kollegen, die eine Petition aufsetzen. Und einer Portion Zufall. Auf einem Ärztekongress lernt Ramadani den Sohn von Bundespräsident Thomas Klestil kennen, der bei seinem Vater ein gutes Wort einlegt.
Ganz hat der heute 47-Jährige seine alte Heimat nicht aufgegeben. Während des Kosovokrieges Ende der Neunziger arbeitet Ramadani für ein paar Monate in einem Lazarett, er agiert als politischer Vertreter der albanischen "Befreiungsarmee" UÇK in Österreich und nimmt an Verhandlungen über die Zukunft der Albaner in Mazedonien, wo er ursprünglich herstammt, teil. Als sein Zuhause nennt der Arzt aber längst Wels, Angebote anderer Spitäler schlug er aus. Schussverletzungen sind hier seltener, an Glatteistagen wie am Montag häufen sich dafür gebrochene Oberschenkelhälse.
Aufgeblasener Fall Arigona
Zwei seiner drei Kinder sind hier geboren, sie sprechen lupenreinen Dialekt - wie Arigona Zogaj. Zu Oberösterreichs berühmtester Kosovoalbanerin hat Ramadani allerdings eine zwiespältige Meinung. "Es wäre gut gewesen, wenn das Mädchen in aller Ruhe hierbleiben hätte dürfen", meint er: "Aber wie der Fall aufgeblasen wurde, kann ich nicht vertreten." Ramadani ärgert, dass die heutigen Lebensumstände im Kosovo übertriebener Weise als unmöglich dargestellt würden, nach dieser Logik müsste man gleich alle eineinhalb Millionen Einwohner evakuieren. "Ich bin mir nicht sicher, ob der Innenminister das Richtige tut", sagt er: "Ganz falsch handelt er nicht."
Ramadani versteht, dass die Regierung restriktiver vorgeht als zu den Zeiten, als am Balkan noch Krieg herrschte. "Für Qualifizierte sollten die Türen aber offener sein", sagt er: "Heute könnte ich wohl nicht mehr einwandern." (Gerald John/ DER STANDARD Printausgabe 10.1.2008)
http://derstandard.at/?url=/?id=3176528
Wie Arigona war Florin Ramadani eingewandert - Vom Pflegehelfer arbeitete er sich zum Arzt hoch - obwohl die Fremdengesetze dagegensprachen
Wie Arigona Zogaj war Florin Ramadani aus dem Kosovo eingewandert. Vom Pflegehelfer arbeitete er sich zum leitenden Arzt hoch - obwohl die Fremdengesetze dagegensprachen - Von Gerald John
Wels - Florin Ramadani kroch unter den Koffer. Wie ein Zelt hatte er ihn auf dem Bett aufgeklappt, um sich, als einer von 16 Gastarbeitern im Zimmer, vor dem Wasser zu schützen. Mit jedem Tropfen, der durch das lecke Dach des oberösterreichischen Gasthauses auf seinen Schlafplatz klatschte, wuchs Ramadanis Verzweiflung. "Das war meine erste Nacht in Österreich", erzählt er, "und zugleich die längste meines Lebens."
Heute, 17 Jahre danach, parkt Ramadani seinen Mercedes vor einem großzügigen Einfamilienhaus. Daheim warten die Frau und drei Kinder, in der Arbeit neue Herausforderungen. Der gebürtige Albaner, einst aus dem Kosovo eingewandert wie Arigona Zogaj, entspricht so gar nicht dem Klischee des herumlungernden Flüchtlings, den der Staat ewig durchfüttern muss. Seit dem neuen Jahr leitet der Arzt - vorerst interimistisch, bald wohl auf Dauer - die Unfallabteilung des Spitals von Wels, hierzulande die größte ihrer Art. Aber nicht, weil ihm das offizielle Österreich das Tor weit geöffnet hätte, eher im Gegenteil. "Ich musste hart kämpfen", sagt Ramadani.
Gewehr an der Schläfe
Der Kosovo zu Beginn der Neunziger. Der jugoslawische Präsident Slobodan Miloseviæ hat der Provinz die Autonomie aufgekündigt, die Albaner lehnen sich gegen Diskriminierungen auf. Während er im Spital serbische Milizionäre behandelte, erzählt Ramadani, hätten ihm andere das Gewehr an die Schläfe gedrückt und makabre Späße getrieben. Als ihn Soldaten aus der Uni-Klinik von Prishtina werfen, verlässt der junge Mediziner auch das Land.
Nach einem Abstecher zum Bruder in die Schweiz, wo er einen Fernsehbericht über den angeblichen Ärztemangel in Österreich sieht, sitzt Ramadani im Zug nach Osten. Nicht als Asylwerber, dieser Status schreckt den selbstbewussten Flüchtling irgendwie ab, sondern als normaler Zuwanderer. Weil eine Studentin in seinem Abteil zufällig in Wels aussteigt, versucht er sein Glück in Oberösterreich und landet in einem Massenquartier in Grieskirchen. Ramadani lebt von Fischkonserven und Semmeln vom Vortag, die er beim Bäcker extra verlangt, weil ein Netz statt fünf nur drei Schilling kostet. Und verschlingt täglich die Zeitung, um sich die ersten Brocken Deutsch beizubringen.
Nur Platz für Vastic
Weil er nicht ewig vom Taschengeld des Bruders leben kann, sucht Ramadani Arbeit. Ein Linzer Krankenhaus wimmelt ihn ab, in Wels erbarmt sich eine Ordensschwester und vermittelt einen Job als Pflegehelfer. "Nur die Putzfrauen standen in der Hierarchie noch unter mir", erinnert sich Ramadani und berichtet von gezielten Demütigungen durch manche Kollegen. Wenn er, der Arzt, Pflegern einen guten Tipp geben wollte, keiften die mitunter zurück: "Du wisch lieber zusammen!"
Es gibt aber auch andere. Vorgesetzte, wie den Ex-Chef der Unfallabteilung, die den ehrgeizigen Zuwanderer fördern. Ramadani schafft die Prüfungen für die Anerkennung seines Studiums und absolviert einen Turnus als Unfallchirurg. Ein solcher könnte im Kosovo noch gebraucht werden, ahnt er. Doch dann, nach gut vier Jahren, lernt der Aufsteiger die Tücken der Fremdengesetze kennen. Für die Verlängerung seiner Arbeitserlaubnis hätte er die Staatsbürgerschaft gebraucht, erzählt Ramadani: "Doch das Land Oberösterreich hat viermal abgelehnt." Weil der Kosovoalbaner nach den Buchstaben des Gesetzes zu kurze Zeit im Land ist; da mögen noch so viele Politiker die Bedeutung ausländischer Schlüsselkräfte gewürdigt haben.
Weitblick der Behörden
Ramadani ärgert sich, dass dem Fußballer Ivica Vastic die Staatsbürgerschaft zur selben Zeit nachgeworfen wird und stellt sich auf eine - endgültige - Rückkehr in den Kosovo ein. Dass er heute noch hier ist, verdankt er nicht dem Weitblick der Behörden, sondern privaten Fürsprechern wie einigen Kollegen, die eine Petition aufsetzen. Und einer Portion Zufall. Auf einem Ärztekongress lernt Ramadani den Sohn von Bundespräsident Thomas Klestil kennen, der bei seinem Vater ein gutes Wort einlegt.
Ganz hat der heute 47-Jährige seine alte Heimat nicht aufgegeben. Während des Kosovokrieges Ende der Neunziger arbeitet Ramadani für ein paar Monate in einem Lazarett, er agiert als politischer Vertreter der albanischen "Befreiungsarmee" UÇK in Österreich und nimmt an Verhandlungen über die Zukunft der Albaner in Mazedonien, wo er ursprünglich herstammt, teil. Als sein Zuhause nennt der Arzt aber längst Wels, Angebote anderer Spitäler schlug er aus. Schussverletzungen sind hier seltener, an Glatteistagen wie am Montag häufen sich dafür gebrochene Oberschenkelhälse.
Aufgeblasener Fall Arigona
Zwei seiner drei Kinder sind hier geboren, sie sprechen lupenreinen Dialekt - wie Arigona Zogaj. Zu Oberösterreichs berühmtester Kosovoalbanerin hat Ramadani allerdings eine zwiespältige Meinung. "Es wäre gut gewesen, wenn das Mädchen in aller Ruhe hierbleiben hätte dürfen", meint er: "Aber wie der Fall aufgeblasen wurde, kann ich nicht vertreten." Ramadani ärgert, dass die heutigen Lebensumstände im Kosovo übertriebener Weise als unmöglich dargestellt würden, nach dieser Logik müsste man gleich alle eineinhalb Millionen Einwohner evakuieren. "Ich bin mir nicht sicher, ob der Innenminister das Richtige tut", sagt er: "Ganz falsch handelt er nicht."
Ramadani versteht, dass die Regierung restriktiver vorgeht als zu den Zeiten, als am Balkan noch Krieg herrschte. "Für Qualifizierte sollten die Türen aber offener sein", sagt er: "Heute könnte ich wohl nicht mehr einwandern." (Gerald John/ DER STANDARD Printausgabe 10.1.2008)
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