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altalbanischer Volksglaube
Verfasst: Mi, 12. Dez 2007, 14:43
von Sandy
Ora und Fatia
Die Oren sind beliebte Figuren der nordalbanischen Mythologie, bei denen es sich um gute Feen, ähnlich den südalbanischen fatia handelt. Der Volksglaube besagt, dass jeder Mensch eine Ora hat, die ihn schützt.
Wenn ein Kind geboren wird,so versammeln sich die Oren nachts in großer Zahl, um das Schicksal des Neugeborenen zu bestimmen. Ähnlich wie die Schicksalsfeen der griechischen Mythologie spinnt eine Ora den Lebensfaden des Kindes an, eine andere misst ihn ab und eine dritte schneidet ihn ab (d.h. die Oren bestimmen kurz nach der Geburt das Schicksal des Kindes, vor allem,wie lange es leben wird).
Wenn die Oren einem Menschen grollen, durchschneiden sie seinen Glücks- oder Lebensfaden, er heißt dann orëprerë. Der tapfere Mensch hat eine weiße Ora, faqebardhë = weißgesichtig, die ihm die Heilkunst beibringt. Der Feigling hat eine schwarze Ora, faqezezë =schwarzgesichtig.
Wenn ein Mensch eine Sünde begeht, wird das Gesicht seiner Ora aus Schande schwarz.
Im Gegensatz zu Feen sind die Oren sterblich und ihr Tod kann auch den Tod ihrer Schützlinge mit sich bringen.
In Südalbanien war es übrigens Sitte in der 3.Nacht nach der Geburt eines Kindes die Haustür einen Spalt offen zu lassen und für die drei fatia einen Becher Honig mit drei Mandeln und drei Scheiben Brot auf dem Küchentisch zu hinterlassen.
Man wollte so die fatia froh stimmen und hoffte, dass sie dem Kind ein gutes Schicksal und ein langes Leben schenken würden.
Ich finde den alten albanischen Volksglauben wirklich interessant und da wir uns ja einig waren, die Qualität der Beiträge wieder etwas zu verbessern, dachte ich mir, ich stell das einfach mal hier rein. Vielleicht interessiert sich ja jemand dafür.[/i]
Verfasst: Mi, 12. Dez 2007, 15:18
von (AL)OVE
Besten Dank Sandy. Hatte ich nicht gewusst...
Wenn jemand mehr solcher Beiträge hat, nur hier rein damit...
Von welcher Zeit handelt dieser altalbanische Glaube?
Verfasst: Mi, 12. Dez 2007, 15:48
von amina
alsoich finde das auch sehr interessant!
war mir auch noch nicht bekannt

Verfasst: Mi, 12. Dez 2007, 15:49
von Genci85
Hat das irgendwie ein Zusammenhang mit den leinen Tonfiguren, die man in einem See gefunden hat?
Verfasst: Mi, 12. Dez 2007, 18:15
von Sandy
Genci85 hat geschrieben:Hat das irgendwie ein Zusammenhang mit den leinen Tonfiguren, die man in einem See gefunden hat?
Was für Tonfiguren meinst du denn genau?
Verfasst: Mi, 12. Dez 2007, 18:31
von Sandy
(AL)OVE hat geschrieben:
Von welcher Zeit handelt dieser altalbanische Glaube?
Das ist meist nicht genau zu datieren. Fakt ist aber, dass vieles schon aus der vorchristlichen Zeit stammt. Viele alte Bräuche, Traditionen und ein großer Teil des Volksglaubens sind natürlich bereits "ausgestorben", aber einiges findet man heute noch,beispielsweise den "bösen Blick" oder auch die "Mannfrau",von der man noch bis vor ein paar Jahren annahm, dass es sowas nicht mehr geben würde. Erst vor 2 oder 3 Jahren wurde eine Dokumentation über die "Mannfrauen" in Albanien gedreht. Die lief vor nicht allzu langer Zeit mal auf Arte. Man hat da drei "Mannfrauen" aus der Gegend um Tropoja ausfindig gemacht, die von ihrem Leben erzählt haben.
Verfasst: Mi, 12. Dez 2007, 19:10
von Sandy
Mannfrau (virgjineshë)
Über das Phänomen der Mannfrau wurde von Missionaren, Reisenden und Wissenschaftlern im nordalbanischen Hochland erstmals im 19. und 20.Jahrhundert berichtet. Gemäß dem Gewohnheitsrecht durfte eine Frau, die einen von der Familie für sie bestimmten Mann nicht heiraten wollte, vor 12 Dorfältesten einen unwiderruflichen Eid schwören, dass sie ihr Leben lang unverheiratet bzw.keusch bleiben würde. Wenn sie diesen Eid leistete, übernahm sie ab sofort die Rolle eines Mannes. Den Mannfrauen wurden also alle Attribute eines Mannes zuerkannt: Sie zogen sich wie Männer an, verwendeten nun meist auch männliche Vornamen, trugen Waffen, rauchten, wurden Familienoberhäupter und verrichteten Männerarbeit. Von den anderen Männer der nordalbanischen Stammesgesellschaft wurden sie auch als Männer anerkannt und durften an Gemeindesitzungen und Stammesberatungen teilnehmen.
Es gibt eine Reihe von Erklärungsversuchen für die Institution der Mannfrau:
1. die Weigerung einer Frau, den Mann zu heiraten, dem sie (oftmals schon im Kindesalter) versprochen wurde, führte oft dazu, dass sich der Ehemann in seiner Ehre gekränkt fühlte, was in der Stammesgesellschaft unweigerlich zur Blutrache führte. Wenn diese Frau nun aber eine Mannfrau wurde, brach sie sozusagen den Ehevertrag nicht und beschmutzte auch nicht die Ehre des Bräutigams und seiner Familie.
2. Das Erbrecht in der nordalbanischen Stammesgesellschaft besagte, dass nur Männer erbberechtigt waren. Also musste eine Familie, die keinen Sohn hatte quasi einen "Ersatzsohn" finden, um den Grundbesitz in Familienhänden halten zu können. Da außerdem viele Männer bei Stammesfehden durch Blutrache umkamen, gab es einen deutlichen Überschuss an Frauen und in vielen Familien somit keinen Erbberechtigten. So konnte also in Familien ohne Söhne z.b. die älteste Tochter das Problem lösen, indem sie zur Mannfrau wurde, was den Familienbesitz wenigstens für eine Generation sicherte.
3. Berücksichtigt wurde in einigen Fällen auch das Schicksal einer verwitweten Mutter. Nach dem Tod ihres Mannes verlor eine nordalbanische Frau ohne Söhne jeglichen Rang in der Stammesgesellschaft. Wenn es ihr nicht gelang, wieder zu heiraten wurde sie zu ihrem Vater zurückgeschickt oder dazu gezwungen, als Dienerin bei der Familie ihres verstorbenen Mannes zu schuften. Um dies zu umgehen gab es nur eine Möglichkeit: Sie musste einen Sohn finden. Also musste eine ihrer Töchter zur Mannfrau werden...
Verfasst: Mi, 12. Dez 2007, 19:21
von Koby Phoenix
respekt!
Sandy bist du deutsche oder albanerin?
Nur aus neugier.
Man kann ja jeden Tag was dazulernen.
Verfasst: Mi, 12. Dez 2007, 19:30
von Sandy
Ich bin Deutsche, aber mein Mann ist Albaner.
Verfasst: Mi, 12. Dez 2007, 19:59
von Shqipetare
Hallo Sandy ich danke dir vielmals,dass du so ein hoch interessanten Thread eröffnet hast
Ich persönlich hatte noch nie was von "Ora & Fatia" oder den sogennanten "Mannfrauen" gehört.Ins Besondere hat mich ersters sehr begeistert.
Da du (oder auch dein Mann) dich anscheinden gut mit nordalbanischen Sitten und Gebräuchen auskennst,würde mich mal interessieren,ob du(dein Mann) weiß(t):
Also ich habe dieses Jahr von einer Freundin,die aus Topoja stammte gehört,dass wenn eine Person aus der Familie stirbt,man in nächster Zeit einen Besuch vom Geist,(ich glaub in Form eines Vogels?),erwartet.
Sie hat mir das erzählt,da ihre Schwester vor kurzem gestroben war

und die andere Schwester genau dieses Erlebnis druchlebt hatte(nachts).
Weiß aber nichts Genaueres darüber,vielleicht hast du ja schon mal was darüber gehört.
Ich würd ja einen von meinen Verwadten fragen,doch glaube ich nicht,dass sie sich mit nordalb.Sitten auskennen.
Lg Shqipetare
Verfasst: Mi, 12. Dez 2007, 20:30
von Sandy
Shqipetare hat geschrieben:
Also ich habe dieses Jahr von einer Freundin,die aus Topoja stammte gehört,dass wenn eine Person aus der Familie stirbt,man in nächster Zeit einen Besuch vom Geist,(ich glaub in Form eines Vogels?),erwartet.
Sie hat mir das erzählt,da ihre Schwester vor kurzem gestroben war

und die andere Schwester genau dieses Erlebnis druchlebt hatte(nachts).
Weiß aber nichts Genaueres darüber,vielleicht hast du ja schon mal was darüber gehört.
Ich würd ja einen von meinen Verwadten fragen,doch glaube ich nicht,dass sie sich mit nordalb.Sitten auskennen.
Lg Shqipetare
Ich habe noch nichts davon gehört, dass man
nach dem Tod einen Vogel erwartet, aber durchaus
bevor jemand starb. Denn im albanischen Volksglauben galten Vögel meist als Unglücksboten.
So zum Beispiel der Kuckuck (
qyqe). Der war das weibliche Symbol des Unglücks. Der Ruf des Kuckucks brachte stets ein Unglück mit sich,
oft sogar den Tod!
Auch die Eule galt stets als Botin schlechter Nachrichten.
Einer der wenigen Vögel, der im Volksglauben nicht als schlechtes Zeichen galt war natürlich - wie sollte es anders sein - der Adler. Er galt schon immer als Symbol der Freiheit und des Heldentums.
Ich hoffe, ich kann dir damit ein bißchen weiterhelfen!
Verfasst: Mi, 12. Dez 2007, 20:44
von Shqipetare
@Sandy
Ich bin mir sicher,dass sie von einem Vogel nach dem Tod gesprochen hat,jedoch kann ich mich nicht mehr an ihren genauen Wortlaut erinnern,aber ich werd es spätestens im Sommer erfahren,was sie genau meinte.
Danke dir totzdem.
LG Shqipetare
Verfasst: Mi, 12. Dez 2007, 22:36
von kesulkuqja
hallo sandy
wo hat du das gelesen mit den feen?
soweit ich weiß, heißen sie nur im süden ora und im norden zana.
das kannst du auch nachlesen z.b. in der "lahuta e malcise" von fishta. er schreibt dass sich die zanen und die oren vereinigen, um dem helden im kampf gegen die monteneginer zu helfen, aber die oren und zanen stehen symbolisch für nord- und südalbaner.
Verfasst: Mi, 12. Dez 2007, 22:58
von kesulkuqja
Shqipetare hat geschrieben:Also ich habe dieses Jahr von einer Freundin,die aus Topoja stammte gehört,dass wenn eine Person aus der Familie stirbt,man in nächster Zeit einen Besuch vom Geist,(ich glaub in Form eines Vogels?),erwartet.
Sie hat mir das erzählt,da ihre Schwester vor kurzem gestroben war

und die andere Schwester genau dieses Erlebnis druchlebt hatte(nachts).
Weiß aber nichts Genaueres darüber,vielleicht hast du ja schon mal was darüber gehört.
Lg Shqipetare
kennst du die berühmte legende von gjergj elez alia, der gegen den baloz lange gekämpft hat? nach senem tod fliegt ein vogel um sein grab herum und erzählt allen reisenden, was für ein großer held er war.
ich habe auch irgendwo gelesen, dass in nordalbanien der ahnenkult sehr verbreitet war, da ja alle familien von einem urahnen abstammen und man hat den kontakt zu den seelen der verstorbenen urahnen aufrechterhalten. später wurde dieser verehrte uhrahn dann durch einen christlichen schutzpatron ersetzt, den jetzt jede familie verehrt.
Verfasst: Do, 13. Dez 2007, 11:02
von Sandy
kesulkuqja hat geschrieben:hallo sandy
wo hat du das gelesen mit den feen?
soweit ich weiß, heißen sie nur im süden ora und im norden zana.
das kannst du auch nachlesen z.b. in der "lahuta e malcise" von fishta. er schreibt dass sich die zanen und die oren vereinigen, um dem helden im kampf gegen die monteneginer zu helfen, aber die oren und zanen stehen symbolisch für nord- und südalbaner.
Das ist so nicht ganz korrekt. Die zana sind etwas anders als die oren und die fatia. Die zana gehören auch zur nordalbanischen mythologie, das ist richtig. Aber sie entsprechen eher unseren Elfen, d.h. sie leben in Beggebieten an Flüssen und Quellen, wo sie nachts tanzen,singen und nackt baden. Früher glaubte man, dass jeder Berg seine eigene zana hat.
Aber du hast nicht ganz unrecht: Ähnlich wie die ora, konnte auch eine zana einen Menschen (vorzugsweise einen mutigen Krieger, wie es ja auch in der "lahuta e malcise" deutlich wird) unter ihren Schutz stellen.
Wie du richtig gesagt hast, waren sie dem alten Volksglauben nach bei Kämpfen anwesend und standen ihren Schützlingen hilfreich zur Seite. Die zana konnte allerdings auch böse werden, nämlich dann, wenn man sie beim Nacktbaden beobachtete. Derjenige, der das tat, wurde von ihr erschlagen. Deshalb war es damals Brauch, dass Wanderer in Bergregionen einmal laut husteten, wenn sie sich einem Fluß oder einer Quelle näherten, damit die zana genug Zeit hatten, sich zu verstecken. Die zana hat aber im Gegensatz zu ora/fatia nichts mit dem Schicksal eines Neugeborenen zu tun.
Daher ist es nicht korrekt zu sagen, dass die oren und zanen symbolisch für Nord-und Südalbaner stehen. Das trifft eher auf oren und fatia zu. Dabei handelt es sich im Prinzip um die gleiche mythologische Figur, nur dass sie im Norden ora und im Süden eben fatia heißt.
Das beste Buch, das es zu diesem Thema gibt ist das "Handbuch der albanischen Volkskultur" von Robert Elsie. Er ist meiner Meinung nach einer der besten Albanologen überhaupt.
Verfasst: Do, 13. Dez 2007, 12:33
von kesulkuqja
Sandy hat geschrieben: Das beste Buch, das es zu diesem Thema gibt ist das "Handbuch der albanischen Volkskultur" von Robert Elsie. Er ist meiner Meinung nach einer der besten Albanologen überhaupt.

steht in meinem bücherschrank. hätte ich vielleicht mal reinschauen können, bevor ich hier sowas schreib.
Verfasst: Do, 13. Dez 2007, 14:36
von Shqipetare
Ich habe noch nichts davon gehört, dass man nach dem Tod einen Vogel erwartet, aber durchaus bevor jemand starb. Denn im albanischen Volksglauben galten Vögel meist als Unglücksboten.
So zum Beispiel der Kuckuck (qyqe). Der war das weibliche Symbol des Unglücks. Der Ruf des Kuckucks brachte stets ein Unglück mit sich, oft sogar den Tod!
Auch die Eule galt stets als Botin schlechter Nachrichten.
Einer der wenigen Vögel, der im Volksglauben nicht als schlechtes Zeichen galt war natürlich - wie sollte es anders sein - der Adler. Er galt schon immer als Symbol der Freiheit und des Heldentums.
Ja das mit dem Kuckuk wusste ich,nur ich hab nicht gewusst das man sie auch qyqe nennt,aber als ich meine Mutter gefargt habe,meinte sie das es das selbe wie "kukuvajke" ist.
Ja und das mit der Eule ist mir auch bekannt.
Aber nicht alle Vogel werden als Unglücksboten angesehen.
kennst du die berühmte legende von gjergj elez alia, der gegen den baloz lange gekämpft hat? nach senem tod fliegt ein vogel um sein grab herum und erzählt allen reisenden, was für ein großer held er war
Ja ich kenne diese Legende,gjergj elez alia soll verwundet(an 7 Stellen) den baloz besiegt haben.
LG Shqipetare
Verfasst: Mo, 17. Dez 2007, 20:43
von P
wusste ich garnicht

Verfasst: Mo, 17. Dez 2007, 21:42
von Lula
Sehr interessant.
Mit den Mannfrauen, das kannte ich, allerdings auch erst seid kurzem, dort wurde eine Frau im TV Dokukanal gezeigt.
Verfasst: Mo, 17. Dez 2007, 22:14
von Lars
Lula hat geschrieben:Sehr interessant.
Mit den Mannfrauen, das kannte ich, allerdings auch erst seid kurzem, dort wurde eine Frau im TV Dokukanal gezeigt.
hat aber eigentlich nichts direkt mit Volksglauben zu tun, sondern kommt aus dem Kanun