Tristesse Adieu
Verfasst: Mo, 19. Nov 2007, 8:12
Tristesse Adieu
Von der Welt isoliert, von Mafiosi geplündert: Tirana hat einiges hinter sich. Dann ließ ein neuer Bürgermeister Bäume pflanzen und Häuser bemalen. Alles nur Kosmetik, sagten Kritiker. Aber sie scheint zu wirken.
Tirana ist eine Frau. Sagt Edi Rama, der die Frauen liebt und seine Stadt. Tirana ist eine Frau, die sich die Lippen anmalt, um sich besser zu fühlen. Sagt der Bürgermeister, der dafür gesorgt hat, dass Tiranas Lippen verlockend glänzen. Denn der 43-Jährige ist auch Künstler und überzeugt: Mehr Farbe im Leben macht gute Laune. Und Hoffnung. Beides hatte die graue Hauptstadt Albaniens bitter nötig, als Edi Rama vor sieben Jahren Chef der Verwaltung wurde. Und so hat der Bürgermeister in den Farbtopf gegriffen und Hoffnung auf die sozialistischen Einheitsfassaden gepinselt.
Das klingt nach schierer Kosmetik, scheint aber zu wirken. Zumindest die Jugend, die sich das Stadtviertel Blloku erobert hat, ist in Siegerlaune. Hier, nicht weit vom Skanderbegplatz, versteckten sich früher die kommunistischen Funktionäre hinter Schranken vor dem Volk. Heute sind die gepflegten Parks von Enver Hodschas Komplizen Biergärten, ihre Villen sind Bars, Restaurants und Cafés. Unzählige Cafés gibt es hier. Mit einem Espresso, der so cremig ist wie auf der anderen Seite der Adria.
„Cafés sind Symbole der Freiheit“, sagt Albaniens Nationaldichter Ismail Kadare. In Cafés wird diskutiert und politisiert, sie sind Orte demokratischer Meinungsbildung und waren Enver Hodscha verhasst. Dass sie sich nun gerade in den Häusern derer eingenistet haben, von denen sie einst als subversiv verboten wurden – das gefällt dem Dichter mit den dicken Brillengläsern und dem Sinn für Ironie. Früher war er mal das Aushängeschild Albaniens, dann wieder wurde er als zu wenig staatstragend verboten. Der 71-Jährige sitzt auf seinem riesigen Polstersofa und doziert über sein Land, sein Leben und die Literatur. Gönnerhaft und ungeduldig – vielleicht wird man so, wenn man lange auf den Literaturnobelpreis wartet wie Kadare. Sein Buch „Der General der toten Armee“ wurde 1983 mit Marcello Mastroianni und Michel Piccoli verfilmt und der Schriftsteller über die albanischen Grenzen hinaus bekannt. Der Erfolg machte ihn unantastbar im eigenen Land, in dem es eigenwillige Köpfe nie leicht hatten.
Die Cafés liebt der Dichter, den sie gerne zum Präsidenten machen würden, am neuen Tirana am meisten. Die bunten Häuser natürlich auch und den undogmatischen Politikstil, der dahinter steckt.
In Blloku stöckeln die Mädchen trittsicher über die löchrigen Gehsteige, die Jungs wippen in den Bars zum Sound von Amy Winehouse. Verschüchtert duckt sich Enver Hodschas Villa vor so viel Lebenslust. Ein kleinlautes Mahnmal kommunistischer Herrschaft, geschützt durch patrouillierende Soldaten, unbewohnt, die Blumen im Garten sind längst vertrocknet. Zwei Männer spielen vor dem Zaun Schach. Auf einer Mauer hat eine Frau ihre Bücher zum Verkauf ausgelegt. Alexander Solschenizyns Archipel Gulag ist auch darunter, das stand früher auf dem Index.
Früher, das war, als Tiranas Lippen noch blass waren. Als Enver Hodscha in den 50ern begann, sein Volk zu isolieren und seinen handgestrickten Kommunismus zu verwirklichen. Zuerst zerstritt er sich mit Titos Jugoslawien, dann zerstritt er sich mit den Russen, Ende der 70er Jahre mit den Chinesen. Seitdem war Albanien allein, ohne kommunistische Bündnispartner und ohne Anbindung an westliche Länder. Abgeschottet vom Rest der Welt, ein weißer Fleck mitten in Europa, terra incognita.
Und im Innern wütete die Geheimpolizei mit ihren unzähligen Spitzeln. Wer Hodscha kritisierte, wurde gefoltert, kam ins Gefängnis oder ins Lager, weit weg von zu Hause. In der Nachbarschaft verschwanden plötzlich ganze Familien, keiner traute sich zu fragen, wo sie geblieben waren. Es fehlte der Mut, sich um das Leben der anderen zu kümmern.
Von den einstigen chinesischen Bündnispartnern sind die Sonnenschirme aus Papier übrig geblieben, mit denen sich die älteren Tiranas an heißen Tagen gegen der Sonne schützen. Vor der sozialistischen Wucht des historischen Museums am Skanderbegplatz wirken diese Relikte wie verlorene Schmetterlinge. Von den Russen blieb manches sozialistische Freskenpathos und nicht wenige graue Fassaden. Die hat sich Edi Rama vorgenommen, und noch vieles mehr.
Der Mann ist Kult in Tirana, seit er sich im Jahr 2000 mit einer unbändigen Energie an die Aufgabe gemacht hat, ein chaotisches Durcheinander von einem Dorf zu einer Stadt zu formen. Weil er die Tristesse aus der Stadt vertrieben hat, und weil er im letzten Wahlkampf mit einer Hiphop-Band ein Liebeslied auf die Stadt rappte, in dem er auch ihre Fehler nicht verschwieg. In seiner Verwaltung hat er erst unzählige Aschenbecher und Fernseher rausgeworfen und manchen, dem das nicht passte. Und dann neue Mitarbeiter eingestellt. Schlendrian und Korruption sind dem Ex-Basketballspieler verhasst.
Heute arbeiten in seiner Verwaltung am Skanderbegplatz hauptsächlich Frauen, auch seine beiden Stellvertreter sind weiblich. Das ist nicht alltäglich im Macholand Albanien. „Es hat sich herausgestellt“, sagt Edi Rama und fläzt seine zwei Meter Körpergröße in den Ledersessel in seinem Amtszimmer, „dass Frauen ernsthafter bei der Sache sind.“ Eine rote Fototapete wuchert über die Wände und Säulen des stattlichen Saals, auf dem Schreibtisch stehen farbenfrohe dicke Nanas von Niki de Saint Phalle. Edi Rama, der Künstler, mag die Frauen. Feinde sagen, dass Frauen seinen autokratischen Stil besser ertragen.
Und Feinde hat dieser Mann viele, denn er hat seine Stadt nicht nur angemalt, sondern auch entrümpelt. Auf den lähmenden Kommunismus folgte ein ungezähmter Raubtierkapitalismus, der 1997 im so genannten Pyramidenskandal seinen Höhepunkt fand: Über Nacht verloren viele Albaner ihre gesamten Ersparnisse durch ein betrügerisches Pyramidensystem, es herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände. In den 90er Jahren wurden in Tirana öffentliche Plätze wild zugebaut. Wer Geld hatte, zog ein Haus hoch, egal wo. Auf den Grünflächen mitten in der Stadt entstanden so mehrstöckige Gebäude, die Mafia machte sich breit mit Glücksspiel und Prostitution. Am Ufer der Lana, des Flusses, der Tirana von Ost nach West durchschneidet, war kein Fleckchen Gras mehr zu sehen, das Zentrum war in der Hand der Mafia.
Edi Rama ließ alle illegalen Bauten abreißen. 132 000 Tonnen Schutt hat er aus der Stadt hinausgefahren, und mit 1000 Bäumen wieder Grün in die graue Stadt gebracht. „100 Bäume“, sagt er, „ersetzen ein Heer von Polizisten.“ Ungewöhnliche Situationen verlangen kreative Menschen. 2004 wählten die über 30 000 Mitglieder der Internet-Plattform „City Mayors“ Edi Rama zum Weltbürgermeister des Jahres – vor den Bürgermeistern von Mexiko City und Rom.
Tirana war eine wilde Schöne mit schlechter Laune. Edi Rama hat sie gezähmt und zum Lachen gebracht. Heute treffen sich im Schatten der Bäume an der Lana wieder Lebens- und Leselustige. Bummeln am Ufer entlang, dessen Oleanderbüsche täglich von städtischen Bediensteten gegossen werden. Kaufen in den unzähligen kleinen Läden, für deren blitzblanken Gehsteig nächtliche Putztrupps sorgen. Kinder spielen auf der Wiese im Jugendpark, während die Eltern Espresso trinken.
Es spricht für Ramas Sinn für schwarzen Humor, dass er im Treppenhaus seines Rathauses Knoblauch aufgehängt hat: zur Abwehr böser Geister. Zwei Anschlägen ist der Mann, der sich mit der Mafia angelegt hat, knapp entkommen, gleich zu Beginn seiner Amtszeit wurde auf ihn geschossen. Ein wenig müde wirkt er an diesem Tag, als er in seinem Amtszimmer am Skanderbegplatz empfängt. Im Vorzimmer verkündet ein Plakat in Kinderschrift: „We love Edi Rama“, drinnen verrät ein Foto mit Hillary Clinton, dass der Mann sich auf internationalem Parkett zu bewegen weiß. Doch heute kann selbst das leuchtende Rot der Tapete Ramas Müdigkeit nicht vertreiben. Tiranas Chefkünstler ist erschöpft.
Seit vergangenem Jahr ist Edi Rama auch Chef der Sozialistischen Partei Albaniens. Die will er nun genauso entrümpeln wie einst seine Stadt. Will ihre kommunistischen Wurzeln, will die personelle Verflochtenheit mit der alten Zeit kappen und frischen Wind hereinbringen. Will externe Berater wie Joschka Fischer gewinnen, will mit einer Frauenquote den Altherrenladen aufmischen und mit albanischen Künstlern Querdenken salonfähig machen. Will, will, will – mal wieder viel. Worauf er stolz ist? „Dass ich in all den Jahren nicht verrückt geworden bin“, sagt er und lacht. Tirana hat ihn Kraft gekostet. Doch genau das gefällt einem Kämpfer wie ihm. „In einer Stadt wie Frankfurt“, sagt der Bürgermeister, „wo schon alles geregelt ist, würde ich untergehen.“ Edi Rama sucht schon nach neuen Aufgaben.
Denn Tirana kann nun alleine gehen, auch wenn sie wohl nie eine disziplinierte Stadt sein wird. Die dicken Autos werden durch die Straßen gejagt, als ob alle auf der Flucht wären oder aufholen müssten. Sicher gibt es Ampeln, doch die Tiranas fahren bei jeder Farbe. Drängeln in eine dritte Reihe, wenn es zu langsam geht, rasen in mörderischem Tempo durch die Stadt. Und sie hupen um ihr Leben. Damit der Fußgänger zur Seite springt oder am besten gar nicht erst wagt, den Zebrastreifen zu betreten. Damit der Vordermann endlich aufs Gas drückt. Rom wirkt dagegen wie eine Insel der Ruhe.
Tirana hat heute gute Laune. Und allenfalls noch mit dem schlechten Ruf zu kämpfen: Albanien ist auch knapp 20 Jahre nach dem Ende des Kommunismus für die meisten noch das Land der Blutrache, der Bunker und der Mafia. Das Klischee vom albanischen Verbrecher – der amerikanische Präsident hat es bei seinem Besuch im Sommer diesen Jahres unfreiwillig ad absurdum geführt. Beim Bad in der Menge in Tirana war plötzlich die Uhr am Arm des Präsidenten verschwunden. Die ganze Welt sah es am Fernseher und alle waren sich sicher: geklaut vom diebischen Albaner. Typisch. Schadenfreude mischte sich mit Vorurteilen und am Schluss war beides für den Papierkorb der Geschichte: George Bush hatte die Uhr selbst abgenommen, keiner hatte sie geklaut, alles gut, alles anders.
In einer warmen Nacht ist ganz Tirana auf der Straße und in Plauderlaune. Touristen gibt es nicht eben häufig, und wer als Fremder nach einem Taxi fragt, bekommt den Weg nicht nur erklärt, sondern wird selbstverständlich dorthin begleitet. Und sofort neugierig befragt, wie Tirana denn gefällt, ob man auch einen Mercedes fährt und wen man als albanischen Präsidenten gut fände.
Politik wird immer und überall diskutiert, es ist, als ob es immer noch ein riesiges Nachholbedürfnis gibt. Nicht nur in den Cafés, wo sich Maler, Dichter und Schauspieler zum Gedankenaustausch treffen. Auch in der Lobby des kleinen Hotels wird politisiert, dort, wo Familienanschluss garantiert ist. Oder beim Bäcker, der lange in Stuttgart bei Mercedes Autos zusammengebaut hat und heute frisches Brot verkauft – die politische Einschätzung gibt es gratis. Tirana ist eine debattierlustige Stadt. Keine, vor der man Angst haben muss. In dunklen Passagen, wenn die Straßenlampen mal wieder ausgefallen sind, überfällt Fremde allenfalls die Furcht, sich in einem der vielen Löcher auf dem Gehsteig den Knöchel zu brechen. Das können nicht viele europäischen Hauptstädte von sich sagen.
Es gibt noch viel zu tun. Sagt der Nationaldichter Kadare, der seit 1990 abwechselnd in Paris, Tirana und der albanischen Hafenstadt Durres lebt. Seine Stadtwohnung hat er im Zentrum, im fünften Stock des Skytowers, einem der beiden 16-stöckigen Hochhäuser mit Panoramarestaurant. Hier wohnen die, die Geld haben, mit Blick auf den Hausberg der Tiraner, den Dajti. Dorthin, wo sie am Wochenende fahren, um direkt neben dem Auto zu picknicken. Noch so ein italienisches Erbe wie der gute Espresso. „Wir müssen uns mit unserer Vergangenheit beschäftigen“, sagt der Patriarch: Die Archive müssten geöffnet, die Verantwortlichen verurteilt, die Opfer entschädigt werden. Geordnete Städtebaupläne müssen her. Arbeit. Eine gesicherte Strom- und Wasserversorgung. Doch das ist Aufgabe der Regierung. Und damit vielleicht bald die Aufgabe des umtriebigen Edi Rama.
Tirana ist keine Heilige. Eher eine lebenslustige, aber ehrliche Schlampe, die gelernt hat, in Würde zu überleben. Der albanische Videokünstler Anri Sala hat die Stadt im Aufbruch und ihren Bürgermeister porträtiert: „Dammi i colori“, „Gib mir die Farben“ nannte Sala seinen Beitrag für die Biennale in Venedig vor vier Jahren.
Welche Stadt kann schon von sich sagen, dass sie bei der Biennale war?
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 18.11.2007)
http://www.tagesspiegel.de/zeitung/Die- ... 55,2421842
Von der Welt isoliert, von Mafiosi geplündert: Tirana hat einiges hinter sich. Dann ließ ein neuer Bürgermeister Bäume pflanzen und Häuser bemalen. Alles nur Kosmetik, sagten Kritiker. Aber sie scheint zu wirken.
Tirana ist eine Frau. Sagt Edi Rama, der die Frauen liebt und seine Stadt. Tirana ist eine Frau, die sich die Lippen anmalt, um sich besser zu fühlen. Sagt der Bürgermeister, der dafür gesorgt hat, dass Tiranas Lippen verlockend glänzen. Denn der 43-Jährige ist auch Künstler und überzeugt: Mehr Farbe im Leben macht gute Laune. Und Hoffnung. Beides hatte die graue Hauptstadt Albaniens bitter nötig, als Edi Rama vor sieben Jahren Chef der Verwaltung wurde. Und so hat der Bürgermeister in den Farbtopf gegriffen und Hoffnung auf die sozialistischen Einheitsfassaden gepinselt.
Das klingt nach schierer Kosmetik, scheint aber zu wirken. Zumindest die Jugend, die sich das Stadtviertel Blloku erobert hat, ist in Siegerlaune. Hier, nicht weit vom Skanderbegplatz, versteckten sich früher die kommunistischen Funktionäre hinter Schranken vor dem Volk. Heute sind die gepflegten Parks von Enver Hodschas Komplizen Biergärten, ihre Villen sind Bars, Restaurants und Cafés. Unzählige Cafés gibt es hier. Mit einem Espresso, der so cremig ist wie auf der anderen Seite der Adria.
„Cafés sind Symbole der Freiheit“, sagt Albaniens Nationaldichter Ismail Kadare. In Cafés wird diskutiert und politisiert, sie sind Orte demokratischer Meinungsbildung und waren Enver Hodscha verhasst. Dass sie sich nun gerade in den Häusern derer eingenistet haben, von denen sie einst als subversiv verboten wurden – das gefällt dem Dichter mit den dicken Brillengläsern und dem Sinn für Ironie. Früher war er mal das Aushängeschild Albaniens, dann wieder wurde er als zu wenig staatstragend verboten. Der 71-Jährige sitzt auf seinem riesigen Polstersofa und doziert über sein Land, sein Leben und die Literatur. Gönnerhaft und ungeduldig – vielleicht wird man so, wenn man lange auf den Literaturnobelpreis wartet wie Kadare. Sein Buch „Der General der toten Armee“ wurde 1983 mit Marcello Mastroianni und Michel Piccoli verfilmt und der Schriftsteller über die albanischen Grenzen hinaus bekannt. Der Erfolg machte ihn unantastbar im eigenen Land, in dem es eigenwillige Köpfe nie leicht hatten.
Die Cafés liebt der Dichter, den sie gerne zum Präsidenten machen würden, am neuen Tirana am meisten. Die bunten Häuser natürlich auch und den undogmatischen Politikstil, der dahinter steckt.
In Blloku stöckeln die Mädchen trittsicher über die löchrigen Gehsteige, die Jungs wippen in den Bars zum Sound von Amy Winehouse. Verschüchtert duckt sich Enver Hodschas Villa vor so viel Lebenslust. Ein kleinlautes Mahnmal kommunistischer Herrschaft, geschützt durch patrouillierende Soldaten, unbewohnt, die Blumen im Garten sind längst vertrocknet. Zwei Männer spielen vor dem Zaun Schach. Auf einer Mauer hat eine Frau ihre Bücher zum Verkauf ausgelegt. Alexander Solschenizyns Archipel Gulag ist auch darunter, das stand früher auf dem Index.
Früher, das war, als Tiranas Lippen noch blass waren. Als Enver Hodscha in den 50ern begann, sein Volk zu isolieren und seinen handgestrickten Kommunismus zu verwirklichen. Zuerst zerstritt er sich mit Titos Jugoslawien, dann zerstritt er sich mit den Russen, Ende der 70er Jahre mit den Chinesen. Seitdem war Albanien allein, ohne kommunistische Bündnispartner und ohne Anbindung an westliche Länder. Abgeschottet vom Rest der Welt, ein weißer Fleck mitten in Europa, terra incognita.
Und im Innern wütete die Geheimpolizei mit ihren unzähligen Spitzeln. Wer Hodscha kritisierte, wurde gefoltert, kam ins Gefängnis oder ins Lager, weit weg von zu Hause. In der Nachbarschaft verschwanden plötzlich ganze Familien, keiner traute sich zu fragen, wo sie geblieben waren. Es fehlte der Mut, sich um das Leben der anderen zu kümmern.
Von den einstigen chinesischen Bündnispartnern sind die Sonnenschirme aus Papier übrig geblieben, mit denen sich die älteren Tiranas an heißen Tagen gegen der Sonne schützen. Vor der sozialistischen Wucht des historischen Museums am Skanderbegplatz wirken diese Relikte wie verlorene Schmetterlinge. Von den Russen blieb manches sozialistische Freskenpathos und nicht wenige graue Fassaden. Die hat sich Edi Rama vorgenommen, und noch vieles mehr.
Der Mann ist Kult in Tirana, seit er sich im Jahr 2000 mit einer unbändigen Energie an die Aufgabe gemacht hat, ein chaotisches Durcheinander von einem Dorf zu einer Stadt zu formen. Weil er die Tristesse aus der Stadt vertrieben hat, und weil er im letzten Wahlkampf mit einer Hiphop-Band ein Liebeslied auf die Stadt rappte, in dem er auch ihre Fehler nicht verschwieg. In seiner Verwaltung hat er erst unzählige Aschenbecher und Fernseher rausgeworfen und manchen, dem das nicht passte. Und dann neue Mitarbeiter eingestellt. Schlendrian und Korruption sind dem Ex-Basketballspieler verhasst.
Heute arbeiten in seiner Verwaltung am Skanderbegplatz hauptsächlich Frauen, auch seine beiden Stellvertreter sind weiblich. Das ist nicht alltäglich im Macholand Albanien. „Es hat sich herausgestellt“, sagt Edi Rama und fläzt seine zwei Meter Körpergröße in den Ledersessel in seinem Amtszimmer, „dass Frauen ernsthafter bei der Sache sind.“ Eine rote Fototapete wuchert über die Wände und Säulen des stattlichen Saals, auf dem Schreibtisch stehen farbenfrohe dicke Nanas von Niki de Saint Phalle. Edi Rama, der Künstler, mag die Frauen. Feinde sagen, dass Frauen seinen autokratischen Stil besser ertragen.
Und Feinde hat dieser Mann viele, denn er hat seine Stadt nicht nur angemalt, sondern auch entrümpelt. Auf den lähmenden Kommunismus folgte ein ungezähmter Raubtierkapitalismus, der 1997 im so genannten Pyramidenskandal seinen Höhepunkt fand: Über Nacht verloren viele Albaner ihre gesamten Ersparnisse durch ein betrügerisches Pyramidensystem, es herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände. In den 90er Jahren wurden in Tirana öffentliche Plätze wild zugebaut. Wer Geld hatte, zog ein Haus hoch, egal wo. Auf den Grünflächen mitten in der Stadt entstanden so mehrstöckige Gebäude, die Mafia machte sich breit mit Glücksspiel und Prostitution. Am Ufer der Lana, des Flusses, der Tirana von Ost nach West durchschneidet, war kein Fleckchen Gras mehr zu sehen, das Zentrum war in der Hand der Mafia.
Edi Rama ließ alle illegalen Bauten abreißen. 132 000 Tonnen Schutt hat er aus der Stadt hinausgefahren, und mit 1000 Bäumen wieder Grün in die graue Stadt gebracht. „100 Bäume“, sagt er, „ersetzen ein Heer von Polizisten.“ Ungewöhnliche Situationen verlangen kreative Menschen. 2004 wählten die über 30 000 Mitglieder der Internet-Plattform „City Mayors“ Edi Rama zum Weltbürgermeister des Jahres – vor den Bürgermeistern von Mexiko City und Rom.
Tirana war eine wilde Schöne mit schlechter Laune. Edi Rama hat sie gezähmt und zum Lachen gebracht. Heute treffen sich im Schatten der Bäume an der Lana wieder Lebens- und Leselustige. Bummeln am Ufer entlang, dessen Oleanderbüsche täglich von städtischen Bediensteten gegossen werden. Kaufen in den unzähligen kleinen Läden, für deren blitzblanken Gehsteig nächtliche Putztrupps sorgen. Kinder spielen auf der Wiese im Jugendpark, während die Eltern Espresso trinken.
Es spricht für Ramas Sinn für schwarzen Humor, dass er im Treppenhaus seines Rathauses Knoblauch aufgehängt hat: zur Abwehr böser Geister. Zwei Anschlägen ist der Mann, der sich mit der Mafia angelegt hat, knapp entkommen, gleich zu Beginn seiner Amtszeit wurde auf ihn geschossen. Ein wenig müde wirkt er an diesem Tag, als er in seinem Amtszimmer am Skanderbegplatz empfängt. Im Vorzimmer verkündet ein Plakat in Kinderschrift: „We love Edi Rama“, drinnen verrät ein Foto mit Hillary Clinton, dass der Mann sich auf internationalem Parkett zu bewegen weiß. Doch heute kann selbst das leuchtende Rot der Tapete Ramas Müdigkeit nicht vertreiben. Tiranas Chefkünstler ist erschöpft.
Seit vergangenem Jahr ist Edi Rama auch Chef der Sozialistischen Partei Albaniens. Die will er nun genauso entrümpeln wie einst seine Stadt. Will ihre kommunistischen Wurzeln, will die personelle Verflochtenheit mit der alten Zeit kappen und frischen Wind hereinbringen. Will externe Berater wie Joschka Fischer gewinnen, will mit einer Frauenquote den Altherrenladen aufmischen und mit albanischen Künstlern Querdenken salonfähig machen. Will, will, will – mal wieder viel. Worauf er stolz ist? „Dass ich in all den Jahren nicht verrückt geworden bin“, sagt er und lacht. Tirana hat ihn Kraft gekostet. Doch genau das gefällt einem Kämpfer wie ihm. „In einer Stadt wie Frankfurt“, sagt der Bürgermeister, „wo schon alles geregelt ist, würde ich untergehen.“ Edi Rama sucht schon nach neuen Aufgaben.
Denn Tirana kann nun alleine gehen, auch wenn sie wohl nie eine disziplinierte Stadt sein wird. Die dicken Autos werden durch die Straßen gejagt, als ob alle auf der Flucht wären oder aufholen müssten. Sicher gibt es Ampeln, doch die Tiranas fahren bei jeder Farbe. Drängeln in eine dritte Reihe, wenn es zu langsam geht, rasen in mörderischem Tempo durch die Stadt. Und sie hupen um ihr Leben. Damit der Fußgänger zur Seite springt oder am besten gar nicht erst wagt, den Zebrastreifen zu betreten. Damit der Vordermann endlich aufs Gas drückt. Rom wirkt dagegen wie eine Insel der Ruhe.
Tirana hat heute gute Laune. Und allenfalls noch mit dem schlechten Ruf zu kämpfen: Albanien ist auch knapp 20 Jahre nach dem Ende des Kommunismus für die meisten noch das Land der Blutrache, der Bunker und der Mafia. Das Klischee vom albanischen Verbrecher – der amerikanische Präsident hat es bei seinem Besuch im Sommer diesen Jahres unfreiwillig ad absurdum geführt. Beim Bad in der Menge in Tirana war plötzlich die Uhr am Arm des Präsidenten verschwunden. Die ganze Welt sah es am Fernseher und alle waren sich sicher: geklaut vom diebischen Albaner. Typisch. Schadenfreude mischte sich mit Vorurteilen und am Schluss war beides für den Papierkorb der Geschichte: George Bush hatte die Uhr selbst abgenommen, keiner hatte sie geklaut, alles gut, alles anders.
In einer warmen Nacht ist ganz Tirana auf der Straße und in Plauderlaune. Touristen gibt es nicht eben häufig, und wer als Fremder nach einem Taxi fragt, bekommt den Weg nicht nur erklärt, sondern wird selbstverständlich dorthin begleitet. Und sofort neugierig befragt, wie Tirana denn gefällt, ob man auch einen Mercedes fährt und wen man als albanischen Präsidenten gut fände.
Politik wird immer und überall diskutiert, es ist, als ob es immer noch ein riesiges Nachholbedürfnis gibt. Nicht nur in den Cafés, wo sich Maler, Dichter und Schauspieler zum Gedankenaustausch treffen. Auch in der Lobby des kleinen Hotels wird politisiert, dort, wo Familienanschluss garantiert ist. Oder beim Bäcker, der lange in Stuttgart bei Mercedes Autos zusammengebaut hat und heute frisches Brot verkauft – die politische Einschätzung gibt es gratis. Tirana ist eine debattierlustige Stadt. Keine, vor der man Angst haben muss. In dunklen Passagen, wenn die Straßenlampen mal wieder ausgefallen sind, überfällt Fremde allenfalls die Furcht, sich in einem der vielen Löcher auf dem Gehsteig den Knöchel zu brechen. Das können nicht viele europäischen Hauptstädte von sich sagen.
Es gibt noch viel zu tun. Sagt der Nationaldichter Kadare, der seit 1990 abwechselnd in Paris, Tirana und der albanischen Hafenstadt Durres lebt. Seine Stadtwohnung hat er im Zentrum, im fünften Stock des Skytowers, einem der beiden 16-stöckigen Hochhäuser mit Panoramarestaurant. Hier wohnen die, die Geld haben, mit Blick auf den Hausberg der Tiraner, den Dajti. Dorthin, wo sie am Wochenende fahren, um direkt neben dem Auto zu picknicken. Noch so ein italienisches Erbe wie der gute Espresso. „Wir müssen uns mit unserer Vergangenheit beschäftigen“, sagt der Patriarch: Die Archive müssten geöffnet, die Verantwortlichen verurteilt, die Opfer entschädigt werden. Geordnete Städtebaupläne müssen her. Arbeit. Eine gesicherte Strom- und Wasserversorgung. Doch das ist Aufgabe der Regierung. Und damit vielleicht bald die Aufgabe des umtriebigen Edi Rama.
Tirana ist keine Heilige. Eher eine lebenslustige, aber ehrliche Schlampe, die gelernt hat, in Würde zu überleben. Der albanische Videokünstler Anri Sala hat die Stadt im Aufbruch und ihren Bürgermeister porträtiert: „Dammi i colori“, „Gib mir die Farben“ nannte Sala seinen Beitrag für die Biennale in Venedig vor vier Jahren.
Welche Stadt kann schon von sich sagen, dass sie bei der Biennale war?
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 18.11.2007)
http://www.tagesspiegel.de/zeitung/Die- ... 55,2421842