Ameisen Weg mit Lirim Fejzuli
Verfasst: Fr, 29. Jun 2007, 11:05
Lausbube spielt Dealer
Der 14-jährige Wattwiler Lirim Fejzuli spielt im Film «Ameisenweg» an der Seite von Jörg Schneider und Bettina Dieterle
Wattwil. Lirim Fejzuli wächst wohlbehütet in Wattwil auf. Als albanischer Heroinverkäufer Ergan im Film «Ameisenweg» lernt der 14-Jährige eine neue, unheimliche Welt kennen.
Beat a. Stephan*
Lirim konnte es nicht fassen: «Ich als Sechstklässler durfte in einem Film mitspielen – und erhielt gleich die Hauptrolle neben Stars, die ich vom Fernsehen kenne: Edward Piccin, Pascal Ulli, Bettina Dieterle, Beat Gärtner, Jörg Schneider. Das ist verrückt.» Seine Klassenkameraden konnten auch kaum glauben, was ihnen der kleine Albaner erzählte, der als Siebenjähriger von Mazedonien in die Schweiz gekommen war. Lirim Fejzuli war nervös, auch wenn er gemäss seinem Entdecker, Regisseur Horst Züger, ein Naturtalent ist: «Ich lernte den Text wie wild mit meinen Eltern.» Mutter Sedide (41) musste nach der harten Arbeit in der Stofffabrik jeweils noch mit dem Jungstar üben, und auch Vater Imer (44), der als Maurer arbeitet, trainierte mit dem Sohn, wenn er nach der Arbeit nach Hause kam.
Kind als Drogenhändler
In Horst Zügers Low-Budget-Film «Ameisenweg» spielt Lirim den albanischen Buben Ergan, der via Italien auf dem sogenannten Ameisenweg in die Schweiz geschleust wird. Er soll seinem Onkel Arben in Zürich bei der Arbeit helfen. «Ergan denkt, sein Onkel sei Autohändler. Doch er entpuppt sich als Dealer, der ihn zwingt, auf der Strasse Heroin anzubieten», erzählt der Jungschauspieler. Schliesslich wird der Onkel umgebracht, sodass Ergan mutterseelenallein in der grossen Stadt zurückbleibt, verfolgt von rivalisierenden Dealern – und von der Polizei.
Kinder werden auch in der Schweiz gerne als Heroinverkäufer eingesetzt, denn wenn sie erwischt werden, wandern sie nicht in den Knast, sondern werden ausgeschafft. Wie Ergan im Film wurde auch Lirim erstmals mit der Langstrassenszene konfrontiert: «Was ich mitten in der Nacht dort sah, hat mich geschockt: Da gab es Vollbesoffene auf der Strasse, Süchtige, Dealer. Einer wollte sogar Stoff von mir.» Auch die Schaufenster des Zürcher Pornokinos Roland beeindruckten den Buben, der unterhalb des Wattwiler Franziskanerinnen-Klosters St. Maria der Engel behütet aufwächst: «So etwas hatte ich nie zuvor gesehen.» Lirim beschreibt seine Rolle als verlorenes Kind rührend einfach: «Ich musste ganz oft vor den Dealern und der Polizei davon springen und immer ganz fest traurig sein. Das ist nicht schwer. Man muss nur an etwas Trauriges denken.»
Einen Moment lang sieht Lirim ernst drein – und schon sind seine Augen feucht. «Das müssen Schauspieler können», sagt der Realschüler. «Eigentlich würde ich gern Hochbauzeichner lernen und dann Architekt. Aber Schauspieler ist wahrscheinlich noch besser, denn dafür braucht es keine Matur.»
Wie schwierig es ist, eine Lehrstelle zu finden, erfuhr der aufgeweckte Teenager, als sein Bruder Naim eine Stelle suchte. Der 19-Jährige bewarb sich 200 Mal, bis er eine Lehrstelle gefunden hatte – jetzt wird er Milchtechnologe und lernt Appenzeller Käse herzustellen. «Es ist schwierig mit einem fremden Namen. Da landen Bewerbungen ungelesen im Papierkorb.» Lirim trotzt den Vorurteilen gegenüber seinen Landsleuten. «Ich will zeigen, dass wir gute Typen sein können, die die Regeln ihres Gastlandes befolgen.» Dafür sorgen auch die Eltern, die ihre Kinder liebevoll, aber streng erziehen. «Würde ich Mist bauen, würden die Ferien gestrichen, oder es gäbe zwei Monate Hausarrest.» Da bleibt er doch lieber brav.
Toleranz statt Terror
Auch wenn Lirim einen Dealer spielt, hat der begeisterte Fussballer mit Drogen nichts am Hut, auch Alkohol findet er blöd. Aber nicht primär, weil er Muslim ist. «Es ist okay, wenn jeder seinen Glauben hat, solange er dem anderen den seinen lässt. Gott hat nie gesagt, man müsse Terrorist sein, um ihm zu dienen. Er will Liebe, nicht Hass. Wenn wir lernen, die anderen so leben zu lassen, wie sie wollen, haben wir den Schlüssel zum Frieden gefunden», sagt Lirim, der Politik doof findet, sie aber dennoch verfolgt. «Ich informiere mich über den Klimawandel und habe die Berichte über den G-8-Gipfel gesehen. Ich bin einfach froh, dass wir keinen allmächtigen Präsidenten wie George Bush haben und die Macht bei uns in der Schweiz verteilt ist.»
Der Film «Ameisenweg» kommt am 20. September in die Kinos. Informationen und den Trailer gibts auf www.ameisenweg.ch *Beat A. Stephan ist Redaktor beim Migros-Magazin. Der Bericht ist im Magazin 26 vom 25. Juni 2007 erschienen.
Der 14-jährige Wattwiler Lirim Fejzuli spielt im Film «Ameisenweg» an der Seite von Jörg Schneider und Bettina Dieterle
Wattwil. Lirim Fejzuli wächst wohlbehütet in Wattwil auf. Als albanischer Heroinverkäufer Ergan im Film «Ameisenweg» lernt der 14-Jährige eine neue, unheimliche Welt kennen.
Beat a. Stephan*
Lirim konnte es nicht fassen: «Ich als Sechstklässler durfte in einem Film mitspielen – und erhielt gleich die Hauptrolle neben Stars, die ich vom Fernsehen kenne: Edward Piccin, Pascal Ulli, Bettina Dieterle, Beat Gärtner, Jörg Schneider. Das ist verrückt.» Seine Klassenkameraden konnten auch kaum glauben, was ihnen der kleine Albaner erzählte, der als Siebenjähriger von Mazedonien in die Schweiz gekommen war. Lirim Fejzuli war nervös, auch wenn er gemäss seinem Entdecker, Regisseur Horst Züger, ein Naturtalent ist: «Ich lernte den Text wie wild mit meinen Eltern.» Mutter Sedide (41) musste nach der harten Arbeit in der Stofffabrik jeweils noch mit dem Jungstar üben, und auch Vater Imer (44), der als Maurer arbeitet, trainierte mit dem Sohn, wenn er nach der Arbeit nach Hause kam.
Kind als Drogenhändler
In Horst Zügers Low-Budget-Film «Ameisenweg» spielt Lirim den albanischen Buben Ergan, der via Italien auf dem sogenannten Ameisenweg in die Schweiz geschleust wird. Er soll seinem Onkel Arben in Zürich bei der Arbeit helfen. «Ergan denkt, sein Onkel sei Autohändler. Doch er entpuppt sich als Dealer, der ihn zwingt, auf der Strasse Heroin anzubieten», erzählt der Jungschauspieler. Schliesslich wird der Onkel umgebracht, sodass Ergan mutterseelenallein in der grossen Stadt zurückbleibt, verfolgt von rivalisierenden Dealern – und von der Polizei.
Kinder werden auch in der Schweiz gerne als Heroinverkäufer eingesetzt, denn wenn sie erwischt werden, wandern sie nicht in den Knast, sondern werden ausgeschafft. Wie Ergan im Film wurde auch Lirim erstmals mit der Langstrassenszene konfrontiert: «Was ich mitten in der Nacht dort sah, hat mich geschockt: Da gab es Vollbesoffene auf der Strasse, Süchtige, Dealer. Einer wollte sogar Stoff von mir.» Auch die Schaufenster des Zürcher Pornokinos Roland beeindruckten den Buben, der unterhalb des Wattwiler Franziskanerinnen-Klosters St. Maria der Engel behütet aufwächst: «So etwas hatte ich nie zuvor gesehen.» Lirim beschreibt seine Rolle als verlorenes Kind rührend einfach: «Ich musste ganz oft vor den Dealern und der Polizei davon springen und immer ganz fest traurig sein. Das ist nicht schwer. Man muss nur an etwas Trauriges denken.»
Einen Moment lang sieht Lirim ernst drein – und schon sind seine Augen feucht. «Das müssen Schauspieler können», sagt der Realschüler. «Eigentlich würde ich gern Hochbauzeichner lernen und dann Architekt. Aber Schauspieler ist wahrscheinlich noch besser, denn dafür braucht es keine Matur.»
Wie schwierig es ist, eine Lehrstelle zu finden, erfuhr der aufgeweckte Teenager, als sein Bruder Naim eine Stelle suchte. Der 19-Jährige bewarb sich 200 Mal, bis er eine Lehrstelle gefunden hatte – jetzt wird er Milchtechnologe und lernt Appenzeller Käse herzustellen. «Es ist schwierig mit einem fremden Namen. Da landen Bewerbungen ungelesen im Papierkorb.» Lirim trotzt den Vorurteilen gegenüber seinen Landsleuten. «Ich will zeigen, dass wir gute Typen sein können, die die Regeln ihres Gastlandes befolgen.» Dafür sorgen auch die Eltern, die ihre Kinder liebevoll, aber streng erziehen. «Würde ich Mist bauen, würden die Ferien gestrichen, oder es gäbe zwei Monate Hausarrest.» Da bleibt er doch lieber brav.
Toleranz statt Terror
Auch wenn Lirim einen Dealer spielt, hat der begeisterte Fussballer mit Drogen nichts am Hut, auch Alkohol findet er blöd. Aber nicht primär, weil er Muslim ist. «Es ist okay, wenn jeder seinen Glauben hat, solange er dem anderen den seinen lässt. Gott hat nie gesagt, man müsse Terrorist sein, um ihm zu dienen. Er will Liebe, nicht Hass. Wenn wir lernen, die anderen so leben zu lassen, wie sie wollen, haben wir den Schlüssel zum Frieden gefunden», sagt Lirim, der Politik doof findet, sie aber dennoch verfolgt. «Ich informiere mich über den Klimawandel und habe die Berichte über den G-8-Gipfel gesehen. Ich bin einfach froh, dass wir keinen allmächtigen Präsidenten wie George Bush haben und die Macht bei uns in der Schweiz verteilt ist.»
Der Film «Ameisenweg» kommt am 20. September in die Kinos. Informationen und den Trailer gibts auf www.ameisenweg.ch *Beat A. Stephan ist Redaktor beim Migros-Magazin. Der Bericht ist im Magazin 26 vom 25. Juni 2007 erschienen.