http://www.albanianhistory.net/texts20_1/AH1913_3.html
1913
Leo Freundlich:
Albaniens Golgatha:
Anklageakten gegen die Vernichter des Albanervolkes
Das kleine Buch 'Albaniens Golgatha' ist im Wesentlichen eine Zusammenstellung von Presseberichten aus Kosova während der Balkankriege, 1912-1913. Das Osmanische Reich, das fünfhundert Jahre lang in Kosova herrschte, war im Begriff auseinanderzubrechen und sich aufzulösen. Während der kriegerischen Auseinandersetzungen, die auf dem gesamten Balkan stattfanden, griffen serbische Truppen Kosova an und besetzten es für Serbien. Dabei versuchten sie, es - mit entsetzlichen Folgen - von seiner einheimischen, albanisch-sprachigen Bevölkerung zu säubern.
Der Verfasser dieser bewegenden Schrift, Leo Freundlich (1875 - 1953), war ein Politiker und Publizist aus Wien. Bekannt ist, dass Freundlich in eine wohlhabende Fabrikanten-Familie jüdischer Herkunft im südpolnischen Bielitz-Biala (Bielsko-Biala) - damals Teil des österreichisch-ungarischen Kaiserreiches - geboren wurde und sehr früh eine Leidenschaft für die Ideale des Sozialismus entwickelte. Im tschechischen Aussig (Ústi nad Labem) war er als linker Redakteur tätig, wo er seine Frau, Emmy Kögler, Tochter des verstorbenen Bürgermeisters der Stadt, kennenlernte. Das Paar heiratete im schottischen Gretna Green in Jahre 1900 und ließ sich anschließend in Mährisch-Schönberg (Šumperk) nieder, das Leo im Jahre 1907 im Reichsrat vertrat. Emmy und Leo Freundlich, beide politisch sehr aktiv, nahmen an der Gründung des Konsumvereins teil und hielten öffentliche Vorträge, um Unterstützung für den Sozialismus zu wecken. Leo Freundlich wurde stolzer Verleger der erfolgreichen, linksgerichteten Zeitung 'Volkswacht,' in der seine Angriffe gegen die katholische Kirche ihm wiederholt Schwierigkeiten und auch einmal drei Wochen "strengen Arrest" einbrachten. Im Jahre 1910 kamen die Zeitung und der örtliche Konsum in finanzielle Schwierigkeiten, und nach der Niederlage der deutschen Sozialisten in Nordböhmen musste er im Jahre 1910 den Reichsrat verlassen. Das scheint die Ehe nicht verkraftet zu haben. Zusammen mit den beiden Töchtern Hertha (1901-1979) und Gertrud (1902-1985) ging Emmy Freundlich (1878-1948) nach Meran und ließ sich scheiden. Danach pflegte das Paar keinen Kontakt miteinander zu haben, obwohl Leo seine Kinder weiterhin besuchte. Mit ihren engen Beziehungen zu den führenden Sozialdemokraten um Karl Renner und zu internationalen Genossenschafterinnen in Wien wurde Emmy Freundlich zu einer bekannten Publizistin und Politikerin der österreichischen Genossenschaftsbewegung. In den Jahren 1921-1948 war sie Präsidentin der internationalen genossenschaftlichen Frauengilde.
Nach der Veröffentlichung von 'Albaniens Golgatha' im Jahre 1913 diente Leo Freundlich im ersten Weltkrieg als Soldat im österreichisch-ungarischen Heer in Albanien. Nach Bekanntschaft mit Ahmet Zogu (1895-1961) in Wien, der sich später zum König der Albaner (1928-1939) ernennen ließ, trat Freundlich in dessen Dienst ein, und fungierte in der österreichischen Hauptstadt als Honorarkonsul des Königreich der Albaner. In dieser Eigenschaft half er in den dreißiger Jahren, die Handelsbeziehungen zwischen Albanien und dem Deutschen Reich zu fördern. Es wird berichtet, dass er dem ihm verhassten Hitlergruß mit einem ironischen ":-) Zogu" begegnete und sich dabei über die Verwirrung seiner deutschen Gesprächspartner amüsierte, die glaubten, dies sei eine in Albanien allgemein gültige Begrüßungsform.
Als das Leben für die Juden in Wien unerträglich wurde, zog es Freundlich in die Schweiz, wo er in Genf die albanische Mission beim Völkerbund leitete. Im Jahre 1939 flüchteten auch seine Töchter aus Wien und wurden vom Vater aufgenommen. Leo Freundlich, der ein zweites Mal geheiratet hatte, blieb während des Zweiten Weltkrieges in Genf, wo er verarmt lebte und von seinen Töchtern aus London und später aus Amerika finanziell unterstützt wurde.
Nach dem Zweiten Weltkrieg und der kommunistischen Machtübernahme in Albanien weiß man noch, dass Freundlich einen Brief an den damaligen albanischen Ministerpräsidenten Koçi Xoxe (1917-1949) schrieb, mit der - wohl abgeschlagenen - Bitte, wieder zum Honorarkonsul in Wien ernannt zu werden.
Am östlichen Ufer der Adria, kaum drei Tagesreisen von Wien, lebt ein autochthones Volk, das seit Jahrhunderten gegen Feinde und Unterdrücker aller Art für seine Freiheit und Unabhängigkeit kämpft: die Albaner: Durch alle Kämpfe und alle historischen Umwälzungen hindurch hat dieses Volk seine Ursprünglichkeit bewahrt; weder die Völkerwanderung noch die Kämpfe mit Serben, Türken und anderen Eroberern und Unterdrückern vermochten zu verhindern, daß die Albaner in Rasse und Sprache, in Brauch und Sitte ihre Eigenart rein und unverfälscht sich erhalten haben.
Die Geschichte dieser Nation ist eine ununterbrochene Kette blutigster Kämpfe gegen gewalttätige Unterdrücker. Aber selbst die blutigsten Greuel waren nicht imstande, diese kräftige Rasse auszurotten. Und obgleich ihre Unterdrücker in Albanien jede Möglichkeit einer Kulturentwicklung im Keim erstickten, hat sich das Geistesleben der Albaner kräftig entwickelt. Dieses Volk gab dem Türkenreich die hervorragendsten Generäle und Staatsmänner, die besten Richter des osmanischen Reiches sind Albaner, wie die hervorragendsten Werke der türkischen Literatur von Albanern geschaffen wurden. Fast alle Kaufleute in Montenegro entstammen dieser Nation, ebenso die fähigsten Handelsleute in vielen größeren Städten Rumäniens. In Italien spielen die Albaner auf allen Gebieten eine bedeutende Rolle; u.a. war Crispi einer der ihren. Griechenlands tüchtigsten Soldaten sind albanischen Stammes.
In der großen Umwälzung, die der Balkankrieg hervorgerufen hat, soll nun endlich der uralte Traum der Freiheit und Unabhängigkeit dieses Volkes Wirklichkeit werden: die europäischen Großmächte haben beschlossen, Albanien die staatliche Autonomie zu geben.
Aber die serbische Eroberungssucht hat eine Methode gefunden, diesen schönen Traum eines tapferen und freiheitsliebenden Volkes kurz vor seiner Verwirklichung zu zerstören. Mit Mord und Brand sind die serbischen Truppen in Albanien eingefallen. Kann Albanien nicht erobert, so sollen die Albaner ausgerottet werden - das ist die Lösung!
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Viele haben einfach nur vergessen, dass 1912 und 1998 genau das gleiche Vorgehen war......
