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Ein Teenager mischt die Wandelhalle auf
Am Freitag beginnt für die 17-jährige Marigona Isufi die zweite Session in Bern. Als Kinderlobbyistin vertritt sie im Bundeshaus die Anliegen der Jungen.
Bern, Bundeshaus, Wandelhalle. Parlamentarier schreiten durch die Gänge. Anzüge und Krawatten sind die Regel, zwischendurch stöckelt ein Deuxpièces vorbei. Inmitten von Pumps und Halbschuhen stechen ein Paar schwarz-weisse Converse-Turnschuhe ins Auge.
In den Schuhen steht die 17-jährige Marigona Isufi. Sie ist Vertreterin der Kinderlobby Schweiz und weibelt für die Anliegen der Jugendlichen und Kinder, versucht die Parlamentarier für ihre Sache zu gewinnen. «Im Kinderparlament der Stadt Bern habe ich gelernt, dass Politik alles andere als trocken ist», sagt sie im breitesten Berndeutsch. Doch ihr Nachname verrät den Migrationshintergrund: Marigonas Eltern wanderten vor rund 20 Jahren aus dem Kosovo in die Schweiz ein. Der Vater ist Vorarbeiter auf dem Bau, die Mutter Reinigungskraft im Krankenhaus. «Den roten Pass haben wir seit vier, fünf oder sechs Jahren», sagt die Schülerin und denkt nach. Sie könne das nicht genau sagen. Die Einbürgerung war für sie nie ein Thema. «Ich fühlte mich niemals als Ausländerin oder gar fremd.»
Eine minderjährige Seconda, die sich für die Schweiz engagiert: Gelungene Integration und vorbildliches Beispiel kommen einem unweigerlich in den Sinn. Doch Marigona winkt ab: «Wenn mich die Leute als ein Beispiel der viel zitierten Integration sehen, ist das schön und gut. Ich finde mich ganz normal.»
Ein wenig scheu wirkt sie, das Treiben und die Routine in Bundesbern sind ihr noch fremd. Am grossen Tisch im Zimmer vor dem Nationalrat versammeln sich Journalisten, Lobbyisten und Politiker. Einen nach dem anderen spricht Marigona an, tauscht Visitenkarten und händigt die von ihr und der Kinderlobby verfasste Stellungname zur Revision eines Kinder- und Jugendförderungsgesetzes aus. Dabei gehe es unter anderem darum, Jugendliche und Kinder schweizweit in politische Prozesse miteinzubeziehen.
Zurzeit sei dies von Kanton zu Kanton total unterschiedlich. «Das geht so weit, dass die eine Gemeinde einen Jugendrat besitzt, die Nachbargemeinde aber nicht.» Marigona Isufi kämpft dafür, dass solche Jugendräte national zum Standard werden. Allgemein müsse die junge Stimme mehr gehört werden: «Es kann doch nicht sein, dass wir über Themen wie etwa das Minarettverbot nicht mitentscheiden können.» Sie kämpft für das Stimmalter 16.
«Zumindest auf Gemeindeebene muss das doch möglich sein.» Dann wird es plötzlich hektisch. An Marigona Isufi vorbei rennen Nationalräte in den Saal zur Abstimmung, als ginge es um die Goldmedaille im 100-Meter-Sprint. Die Kinderlobbyistin verdreht die Augen. «Bei der Jugendsession gibt es keine solchen Szenen. Da sind wir pünktlich.»
Bei schlechteren Noten würde Marigona aufhören
Für ihr Alter hat die 17-Jährige bereits einige politische Erfahrung gesammelt. Vor fünf Jahren trat sie dem Kinderparlament der Stadt Bern bei und präsidierte es später zwei Jahre lang.
Sie vertrat ihren Kanton in der Jugendsession und hat zurzeit den Vorsitz im Stadtberner Jugendrat. Umtriebig ist sie. Doch die Schule gehe natürlich vor: «Sobald die Noten schlechter werden, höre ich sofort auf.» Nun, schlecht ist ein dehnbarer Begriff. Die Schülerin der Wirtschaftsmittelschule Bern empfindet eine viereinhalb in Mathe als schlecht. Ihr Notenschnitt: 5,3.
Minderjährige gehören im Bundeshaus normalerweise zu Schulklassen, die im Rahmen des Staatskundeunterrichts das Epizentrum unserer Politik besuchen. Wäre der Besuch der Berner Kinderlobbyistin nicht angekündigt gewesen, die Parlamentsdienste würden sie zu den Schulklassen lenken. Aber Marigona ist Teil des politischen Geschehens, gehört für das nächste Jahr zum Bundeshausinventar. «Jetzt geht es in erster Linie darum, mich hier bekannt zu machen.» Das Kontaktnetz ist für einen Lobbyisten das Wichtigste. Geri Müller, der grüne Nationalrat aus dem Aargau, hat ihr einen seiner zwei Lobbyausweise zur Verfügung gestellt. Damit hat Marigona für ein Jahr unkompliziert Zugang zum Bundeshaus. Sie hat sich vorgenommen, bei jeder Session vor Ort zu sein.
Marigona Isufi ist der Rummel um sie suspekt
Szenenwechsel. Marigona Isufi sitzt im weichen Sessel einer Berner Beiz und nippt an einer heis-sen Schokolade. Die erste Session hat sie hinter sich. Ein regionaler Fernsehsender hat sie begleitet. Einige Tageszeitungen haben sie interviewt. «Eigentlich wollte ich es in der Schule geheim halten», sagt sie und fügt gleich an: «Jetzt hat mir sogar mein Staatskundelehrer zum Amt gratuliert. Und wenn meine Gschpänli mich googeln, erscheinen Zeitungsartikel.»
Der jungen Lobbyistin ist der Rummel um sie suspekt. «Mir gehts nicht um meine Person, sondern um die Sache», erklärt sie. Dieser Satz könnte auch von einer gestandenen Politikerin stammen. Sie sei weder rechts noch links eingestellt. Ihr ist es wichtig, politisch unabhängig zu sein. Als Lobbyistin ist sie darauf angewiesen, von allen Seiten Gehör zu finden.
Bei einem Engagement wie dem von Marigona wäre ein politisches Amt in Zukunft naheliegend. Immer wieder wird sie darauf angesprochen. Der Nationalrat wäre doch ein Ziel für sie. Doch sie wiegelt ab. «Zuerst muss ich die Wirtschaftsmittelschule abschliessen. Was dann sein wird, kann ich echt noch nicht sagen.»
Ob die junge Frau mit ihrer leidenschaftlichen Art die Finger von der Politik jemals lassen kann? «Ich könnte regelmässig laut losschreien, wenn ich die ‹Arena› schaue. Diese Themen gehen uns alle an, darum will ich mitreden.» Sie schaue die Sendung mittlerweile via Podcast.
Im Gegensatz zur Sendung im Fernsehen und zum direkten Gespräch mit den Politikern habe dies einen Vorteil: «Wenn mich jemand zu sehr nervt, kann ich einfach weiterspulen.»
Marigona macht Tempo, auch in der Politik: Mit ihren Turnschuhen ist sie dafür perfekt gerüstet.
Text Cinzia Venafro / Bild Ruben Wyttenbach