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Lars
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Re: Albanische Literatur (empfehlenswerte Bücher)

Mi, 04. Aug 2021, 20:36

peter991 hat geschrieben:
Mi, 04. Aug 2021, 17:31
"Hundehaut" von Fatos Kongoli.

Mein persönliches Lieblingsbuch von ihm.
düster
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GjergjD
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Re: Albanische Literatur (empfehlenswerte Bücher)

Sa, 23. Apr 2022, 15:58

Hört sich vielversprechend an:
Stefan Capaliku: "Jeder wird verrückt auf seine Art" (deutsche Ausgabe Transit Verlag, 160 Seiten, 18 Euro) Originalausgabe: Secili cmendet sipas menyre se vet
Fishta, Tirana, 2016
Der Roman des albanischen Autors Stefan Çapaliku erzählt von den letzten zwanzig Jahren der kommunistischen Herrschaft in Albanien. Die Handlung beginnt im Jahr 1967, als Albanien zum atheistischen Staat erklärt wurde, und sie endet 1985 mit dem Tod des Allmächtigen, des Partei- und Staatsführers Enver Hoxha.
Die Zeit dazwischen wird aus der Sicht eines Heranwachsenden dargestellt, dessen Zeitrechnung sich am Erwerb und der Nutzung eines heiß ersehnten Fernsehgeräts orientiert. Die ohnehin engen Kontakte unter den Nachbarn und der Familie werden durch das gemeinsame Fernsehen von (verbotenen) italienischen oder jugoslawischen Sendern weiter intensiviert und bieten Überraschungen skurriler, origineller und tragischer Art.
Die Stadt Shkodra war vor der Machtergreifung der albanischen Kommunisten ein bedeutendes Religions-, Kultur- und Handelszentrum. Stefan Çapaliku, ein intimer Kenner seiner Heimatstadt, legt das dichte Gewebe aus venezianischen, osmanischen, österreichischen und albanisch-bürgerlichen Traditionen frei und brilliert mit einem ironischen, manchmal sarkastischen Blick auf die damaligen politischen Verhältnisse und auf eine archaische Familienstruktur, an der die politischen Zwänge abprallen.
Wohl noch nie ist die Realität eines kommunistisch dirigierten, längst abgewirtschafteten Landes mit einer so umwerfenden und bissigen Komik beschrieben worden wie hier. https://www.transit-verlag.de/produkt/j ... art-roman/
https://www.abendzeitung-muenchen.de/ku ... art-807008
https://www.amazon.de/Jeder-wird-verr%C ... 3887473906

tonicek
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Albanische Literatur (empfehlenswerte Bücher)

Sa, 23. Apr 2022, 17:30

Hab es auf meine Kaufliste gesetzt, werde es bestellen, wenn ich wieder zu Hause bin, scheint sehr interessant zu sein.

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Lars
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Re: Albanische Literatur (empfehlenswerte Bücher)

Mo, 25. Apr 2022, 3:13

Am Mittwoch erstanden. Aber der Haufen mit Lektüre ist gerade hoch.
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GjergjD
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Lea Ypi: Frei

Sa, 02. Jul 2022, 19:26

Lea Ypi: Frei
Erwachsenwerden am Ende der Geschichte
Aus dem Englischen von Eva Bonné - 2022
https://vimeo.com/667885288
Albanien 1989: Der letzte stalinistische Außenposten in Europa, ein isoliertes Land, das man nur schwer besuchen und noch schwerer verlassen kann. Es herrschen Mangelwirtschaft, Geheimpolizei und das Proletariat. Der Kommunismus hat den Platz der Religion übernommen. Für die zehnjährige Lea Ypi ist dieses Land ihr Zuhause: ein Ort der Geborgenheit, des Lernens, der Hoffnung und der Freiheit.

Alles ändert sich, als in Berlin die Mauer fällt und in Tirana Enver Hoxhas Statue vom Sockel stürzt. Jetzt können die Menschen wählen, wen sie wollen, sich kleiden, wie sie wollen, anbeten, was sie wollen. Aber die neue Zeit zeigt bald ihr unfreundliches Gesicht: Skrupellose Geschäftemacher ruinieren die Wirtschaft, die Aussicht auf eine bessere Zukunft löst sich auf in Arbeitslosigkeit und Massenflucht. Als das Land im Chaos zu versinken droht und in ihrer Familie Geheimnisse ans Licht kommen, beginnt Lea sich zu fragen, was das eigentlich ist: Freiheit.

In hinreißender Prosa erzählt Lea Ypi von ihrem Erwachsenwerden im poststalinistischen Albanien und in einer schillernden Familie, deren Geschichte eng mit der des Landes verwoben ist. Frei ist ein fesselndes Memoir und eine scharfsinnige Reflexion über die Grenzen des Fortschritts und die Last der Vergangenheit, über glänzende Ideale und harte Realitäten. Vor allem aber über die Leben von Menschen, die vom Sturm der Geschichte erfasst werden.
https://www.suhrkamp.de/buch/lea-ypi-fr ... 3518430347
Lea Ypi, geboren 1979 in Tirana, Albanien, hat in Florenz und Rom Philosophie und Literatur studiert und unter anderem in Paris, Oxford, Stanford und Frankfurt am Main geforscht und gelehrt. Derzeit ist sie Professorin für Politische Theorie an der London School of Economics. Für den Guardian schreibt sie regelmäßig zu gesellschaftspolitischen Themen. Nach zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen legt sie mit Frei ihr erstes autobiografisches Sachbuch vor.

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Re: Lea Ypi: Frei

Mi, 06. Jul 2022, 18:36

GjergjD hat geschrieben:
Sa, 02. Jul 2022, 19:26
Lea Ypi: Frei
Erwachsenwerden am Ende der Geschichte
Aus dem Englischen von Eva Bonné - 2022
https://vimeo.com/667885288
Albanien 1989: Der letzte stalinistische Außenposten in Europa, ein isoliertes Land, das man nur schwer besuchen und noch schwerer verlassen kann. Es herrschen Mangelwirtschaft, Geheimpolizei und das Proletariat. Der Kommunismus hat den Platz der Religion übernommen. Für die zehnjährige Lea Ypi ist dieses Land ihr Zuhause: ein Ort der Geborgenheit, des Lernens, der Hoffnung und der Freiheit.

Alles ändert sich, als in Berlin die Mauer fällt und in Tirana Enver Hoxhas Statue vom Sockel stürzt. Jetzt können die Menschen wählen, wen sie wollen, sich kleiden, wie sie wollen, anbeten, was sie wollen. Aber die neue Zeit zeigt bald ihr unfreundliches Gesicht: Skrupellose Geschäftemacher ruinieren die Wirtschaft, die Aussicht auf eine bessere Zukunft löst sich auf in Arbeitslosigkeit und Massenflucht. Als das Land im Chaos zu versinken droht und in ihrer Familie Geheimnisse ans Licht kommen, beginnt Lea sich zu fragen, was das eigentlich ist: Freiheit.

In hinreißender Prosa erzählt Lea Ypi von ihrem Erwachsenwerden im poststalinistischen Albanien und in einer schillernden Familie, deren Geschichte eng mit der des Landes verwoben ist. Frei ist ein fesselndes Memoir und eine scharfsinnige Reflexion über die Grenzen des Fortschritts und die Last der Vergangenheit, über glänzende Ideale und harte Realitäten. Vor allem aber über die Leben von Menschen, die vom Sturm der Geschichte erfasst werden.
https://www.suhrkamp.de/buch/lea-ypi-fr ... 3518430347
Lea Ypi, geboren 1979 in Tirana, Albanien, hat in Florenz und Rom Philosophie und Literatur studiert und unter anderem in Paris, Oxford, Stanford und Frankfurt am Main geforscht und gelehrt. Derzeit ist sie Professorin für Politische Theorie an der London School of Economics. Für den Guardian schreibt sie regelmäßig zu gesellschaftspolitischen Themen. Nach zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen legt sie mit Frei ihr erstes autobiografisches Sachbuch vor.
Spannende Lektüre!

Was mir am Buch gefällt: Es ist bei Weitem nicht die erste Albanerin, die die kommunistische Zeit in Albanien zum Thema macht. Im Gegensatz zu allen anderen sind diese Erinnerungen eher positiv geprägt, auch wenn das Leben der Ypis alles andere als nur einfach war. Sie thematisiert die Zeit lockerer, unverkrampfter und weniger düster als andere. Der sachliche Stil der Politologin/Philosophin Lea Ypi ist erfreulich im Vergleich zur Dramatik vieler Schriftsteller. Trotzdem gibt es Raum für Humor etc. Und die Transformationsjahre wurden bisher kaum literarisch aufgearbeitet.

Im Original auf Englisch verfasst, von der Autorin auch auf Albanisch übersetzt.

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Lesenswert: Stefan Çapaliku

Mo, 11. Jul 2022, 21:56

Entfernt ähnlich gelagert zu Lea Ypi ist die Neuerscheinung von Stefan Çapaliku: »Jeder wird verrückt auf seine Art«

Çapaliku berichtet aus seiner Jugend in seiner Heimatstadt Shkodra. Er ist etwas älter als Ypi – es geht um die Jahre von Ende der 60er bis zu Hoxhas Tod.

Auch dieser liebenswert verfasste Roman ist empfehlenswert. Erinnerung aus einer Zeit, die noch weit weg zu sein scheint von allem, was wir kennen. Erinnerungen an ein längst vergangenes Albanien. Zeiten, die nicht einfach waren – aber was belastet das einen kleinen Jungen? Im Gegensatz zu Ypi ist dieses Buch weniger sachlich, weniger analytisch (und auch weniger lang). Der Roman ist auch etwas weniger positiv, aber nicht belastend. Çapaliku steckt viel Komik in seine Erzählugen – man muss die Dramatik und die Absuridität respektive Boshaftigkeit der damalien Zeit manchmal schon fast zwischen den Zeilen hervorkramen. Das »Verrücktwerden« wird gerade gegen Ende des Buches immer mehr zum Programm.

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Re: Albanische Literatur (empfehlenswerte Bücher)

Mo, 11. Jul 2022, 22:42

Nicht auf die Liste meiner Buchempfehlungen wird es eine weitere Neuerscheinung schaffen.

Enver und sein Paradies: Illusionen und Propaganda im kommunistischen Albanien: Essays von Arian Leka

Das Buch hat eine längere Geschichte hinter sich. Die Essays wurden bereits 2018 in Tirana auf Deutsch veröffentlicht. In einem albanischen Verlag als Teil der Reihe »Das Beste aus der Albanischen Literatur« (wohl das einzige Buch der Reihe) herausgegeben, schaffte es nicht den Weg in den deutschsprachigen Buchhandel. Dabei hatte diese erste Ausgabe nicht nur den hübschen Titel »Verbotenes Meer und künstliche Paradiese im kommunistischen Albanien«, sondern war auch schön gestaltet, gebunden, mit Bildern von Michel Setboun angereichert – das Buch kommt insgesamt sehr ordentlich und ansprechend daher.

Ganz anders die Neuauflage im Berliner Anthea-Verlag: Billiger Druck, billig gebunden, billiges Papier, alles andere als hübsch gestaltet, blöder Titel (meine Meinung) und vor allem ein lausiger Satz weit weg von jeglichem Versuch einer Gestaltung. Wo in der ersten Ausgabe ein Punkt und ein Zeilenumbruch zu finden ist, fehlt in der Neuauflage beispielsweise schon auf der ersten Seite ein Punkt am Ende eines Satzes. Hier wurde nicht nur am Korrektorat gespart …

Während die Erstausgabe lediglich darauf hinweist, dass der Text bereits in einer Berliner Literaturzeitschrift publiziert worden ist, erfahren wir in der Zweitausgabe noch viel mehr. Einerseits findet sich hier eine einseitige (!) Vita der Übersetzerin Loreta Schillock, andererseits wird einleitend darauf hingewiesen, dass der »Übersetzungsfond [sic!] des albanischen Kulturministeriums« die Herausgabe unterstützt habe. Anscheinend hat die Übersetzerin für die Übertragung dieses Buches eine Auszeichnung des Kultusministeriums [sic!] Albaniens erhalten als Gewinnerin für literarische Übersetzungen aus dem Albanischen ins Deutsche.

Und hier setzt vor allem meine Kritik an: Das Buch ist kaum lesbar. Die Übersetzung mag korrekt sein, das Ergebnis ist richtiges Deutsch – aber keine Literatur! Sätze wie der Folgende – als Beispiel unter vielen – sprechen für sich: »Doch diese Menschen, in ihrem Ländern unzufrieden von der Ungerechtigkeit des Kapitalismus, der wie eine Manifaktur die "Seide" produzierte, um das Gewissen der "Einsamen" sanft einzuspinnen, schlugen übertriebenen Stolzes den Weg hin zu einer besseren Gesellschaft ohne Klassen ein, in der jeder "entsprechend seinen Fähigkeiten" arbeitete und "entsprechend seinen Bedürfnissen" entlohnt wird.« (S. 21)

Solche unverdaubaren Satzkonstrukte und endlose Nominalkonstruktionen sind keine literarische Übersetzungen. Das lässt sich auch nicht mit dem Avantgarde-Stil des Autoren rechtfertigen. Der Übersetzerin ist es nicht gelungen, den wohl sehr herausfordernden Stil des Autors in deutsche Texte zu übertragen, die man mit Freude liest.

Die albanische Ausgabe machte mir noch Freude mit ihrer aufwändigen Gestaltung, die über manche textlichen Schwächen der Übersetzung hinwegsehen lässt. Die deutsche Ausgabe ist einfach nur ein Trauerspiel, gerade weil hier die Übersetzung über allen Klee zelebriert wird.
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