Albanische Alpen: Kelmend

Abendstimmung in den Bjeshkët e Namuna

Abendstimmung in den »Bjeshkët e Namuna«, den »verwunschenen Bergen«

Schlucht des Cem – Kelmend

Schlucht des Cem – Kelmend

Kelmend ist der Name des nördlichsten Teils der  Albanischen Alpen. Die Region wird hauptsächlich durch zwei Täler gebildet: Das tief eingeschnittene Tal des Cem und das Tal von Vermosh im nördlichsten Zipfel Albaniens. Im Süosten liegt das Massiv »Bjeshkët e Namuna«, ein besonders grosser karstiger, wasser- und vegetationsloser Gebirgsblock.

Lange Zeit sehr abgeschieden, dürfte es bald vorbei sein mit der Ruhe: Der erst in den späten 60er und frühen 70er Jahren erbaute Fahrweg ist heute bis Tamara asphaltiert, am Rest wird gebaut. Dann wird dies der kürzeste Weg zwischen dem montenegrinischen Städtchen Plav und der Hauptstadt Podgorica sein – falls Pässe schneefrei sind.

Wegen seiner Abgeschiedenheit kommen Touristen weniger oft nach Kelmend als nach Theth und Valbona. Dabei gibt es auch hier vorzügliche Wandermöglichkeiten, eindrückliche Landschaften und hervorragende Küche.

 

Tour durch Kelmend

Cem-Schlucht

Serpentinen der Strasse nach Kelmend – Cem-Schlucht

Serpentinen in der Cem-Schlucht

Die Strasse ins Kelmend – jetzt bis Tamara asphaltiert und ausgebaut – zweigt bei »Han i Hotit« am Nordostende des Shkodrasees kurz vor dem Grenzübergang zu Montengero ab. Es geht unter der Eisenbahn durch und an den Häusern sowie der Kirche von »Han i Hotit« vorbei. Schnell steigt die Strasse auf fast 800 Meter an – unterwegs hat man einen schönen Blick zurück zum Shkodrasee.

Beim Dorf Rrapsh eröffnet sich ein breites Hochtal. Am anderen Ende fällt der Boden abrupft 600 Meter tief ins Tal des Cem ab. Der Ausblick, der sich hier eröffnet, ist eine der grössten Attraktionen der Region. Weit unten die Cem-Schlucht mit steilen Felswänden, rundherum die eindrückliche Bergwelt des Kelmend und dahinter noch ein paar Gipfel des nördlich angrenzenden Montenegro. Von einem Glasbalkon hat man den schönsten Blick in die tiefe Schlucht – ein obligater Fotostopp. Die Ende der 60er Jahre erbaute und vor Kurzem asphaltierte Strasse windet sich in vielen Serpentinen den Abhang hinunter.

Unten im Tal schlängelt sich die Strasse weiter nach Nordosten ins Zentrum des Kelmend hinein. Dem Cem-Tal flussabwärts folgend, wo die Natur aktuell noch praktisch unberührt ist, ist der Bau einer neuen Verbindungsstrasse mit Grenzübergang in Richtung Podgorica geplant.

 

Tamara

Dorfplatz von Tamara während Renovation

Tamara: Dorfplatz

Die Strasse führt als nächstes nach Tamara, dem Hauptort der Region. Das Dorf ist von mächtigen Felswänden umgeben, in den Höhen verstecken sich noch ein paar Höfe und abgelegene Weiler.

Die kleine Siedlung bietet nicht viel Interessantes, ist aber durchaus einen Stopp wert. Der Dorfplatz wurde vor wenigen Jahren aufgefrischt. Es gibt hier neben Cafés, die mit etwas Glück auch das lokale Bier verkaufen, einen kleinen Laden – wohl die letzte Möglichkeit, sich mit Vorräten einzudecken und ein guter Ort, um regionale Produkte zu kaufen. In Tamara befindet sich auch die Touristeninformation für Kelmend. Dies ist ein guter Anlaufpunkt, wenn man Informationen für Wanderungen oder Führer sucht.

Im Dorf gibt es auch einfache Unterkunftsmöglichkeiten, meist Gästezimmer in Privathäusern.

 

Nikç & Vukël

Nikç

Kurz vor Nikç

Kurz vor Tamara geht eine Strasse in ein Seitental ab. Der schlechte, etwa 15 km lange Weg führt zu den beiden abgelegenen Bergdörfern Nikç und Vukël. Der erste Teil führt durch ein enges Tal, wo oft kaum Platz für das Strässchen bleibt. Dann weiten sich die Berge zu einem breiten Talkessel mit eindrücklichen Felswänden. Vukël liegt auf einer Geländeterrasse am Nordhang und ist nur über Nikç zu erreichen, das zuhinterst im Tal liegt. Unterhalb von Vukël entspringt der Fluss in einer mächtigen Quelle. In Nikç gibt es eine Kirche. Ein paar Familien bieten Gästezimmer an.

Nikç wird meist von durchziehenden Wanderern besucht. Nach Süden und Südosten gibt es lange und schwierige Pfade nach Boga respektive Theth durch die wasserarmen Karstgebiete der »Bjeshkët e Namuna«. Im Norden geht es auf verschiedenen Routen nach Lepusha über Alpweiden und Höhenzüge, die mehrheitlich grün und weniger rauh sind. In den nur zu Fuss zugänglichen Gebieten über Nikç gibt es noch ausgedehnte Wälder.

 

Selca

Kirche in Selca

Folgt man der Strasse von Tamara weiter das Tal hoch, erreicht man nach einer Fahrt durch sehr karges Gebiet als nächstes das kleine Dorf Selca. Hier wird das Tal wieder grüner. Selca ist das alte Zentrum von Kelmend und Kirchort. Viele Höfe liegen hoch über dem Talboden an den Hängen, viele sind aber auch verlassen und verfallen.

Die Strasse steigt hier von rund 400 Meter Höhe steil an, um die Schlucht von Selca zu umgehen, ein äusserst schmaler Einschnitt am oberen Dorfende.

Ab Selca starten mehrere Wanderrouten. Ein steiler Pfad führt von der Kirche nach Norden durch schluchartige Einschnitte bis kurz vor der Grenze zum »Sllapi-Wasserfall«, der grössten Kaskade des Kelmend. Weitere, lange Wanderrouten führen durch die Berge nach Vermosh.

 

Lepusha

Bjeshket e Namuna

Abendrot in den Gipfeln der »Bjeshkët e Namuna« über Lepusha

Nächster Etappenpunkt ist der »Bordolec-Pass« (1355 m) mit dem Dorf Lepusha auf der anderen Seite. Auf dem Weg dorthin passiert man noch die Quelle des Cem. Lepusha ist erst rund 100 Jahre alt – das Leben hier in den Bergen ist hart: Im Winter liegt meterhoch Schnee. Für Touristen ist es ein schönes Plätzchen: ein ruhiges Bergdorf vor eindrücklicher Kulisse, sanfte Wiesen und die hohen Gipfel der »Bjeshkët e Namuna«.

Auf der Passhöhe gibt es Cafés und einen Zeltplatz. Ein Weg führt den Hang hoch zu einem einfachen Hotel. Ein weiterer Weg biegt ins Dorf ab, wo sich diverse Gästehäuser finden.

Am zweiten Samstag im August findet auf dem Pass das grösste Volksfest des Kelmend statt, »Logu i Bjeshkëve«. Bei diesem Fest wird nach einem Gottesdienst die »Miss Bjeshka« gewählt, die schönste junge Frau der Berge. Die Kandidatinnen und viele Besucher sind in lokale Trachten gekleidet.

Alphütte bei Lepusha

Alphütte bei Lepusha

Lepusha ist Ausgangspunkt vieler Wanderungen. Man kann einfachere Touren rund ums Dorf machen oder zu den Alpen und Gipfeln in der Nähe aufsteigen, zum Beispiel zum Trojan (2149 m) im Osten auf der Grenze zu Montenegro. Nach Vermosh im Nordne gibt es verschiedene Routen unterschiedlicher Schwierigkeiten. Wanderungen nach Süden sind anstrengender: Bis Nikç geht es noch gut, aber weiter durch die »Bjeshkët e Namuna« sind schwierig und lang. Bis Theth braucht man zwei Tage, Wasser gibt es kaum.

 

Vermosh

Vermosh

Vermosh

Vom »Bordolec-Pass« geht es hinunter nach Vermosh, dem nördlichsten Dorf Albaniens, nochmals ein enges Tal passierend. Die abgeschiedene Region ist das einzige Tal Albaniens, das zum Schwarzen Meer entwässert wird. Vermosh ist eine grosse Streusiedlung in einem langen, breiten Tal. Noch vieles ist sehr ursprünglich und einfach, die Bergwelt rundherum kaum berührt. Es gibt diverse Privatunterkünfte.

Ab Vermosh gibt es zahlreiche Wanderrouten in die Bergwelt nördlich und südlich des Tals, meist zu Bergspitzen, die einen weiten Rundblick bieten. Man kann auch nach Lepush und nach Selca (lange und anstrengend) wandern.

Am Talausgang schneidet sich der Vermosh-Bach tief ins Gestein ein und bildet eine kurze Schlucht. Bis zum kleinen Grenzübergang ist es nicht mehr weit.

 

Weiter nach Montenegro

See von Plav

See von Plav (Montenegro)

Der montenegrinische Teil des Prokletije-Gebirges bietet ebenfalls zahlreiche Wandermöglichkeiten. Es gibt auch Bike-Routen. Das kleine Städtchen Plav am gleichnamigen See liegt am Fusse hoher Berge.

Den Nationalpark und die hohen Gipfel sind am einfachsten von Gusinje und dem kleinen Dorf Vusanje weiter westlich zugänglich. Längere Touren führen auf Gipfel, die Blicke ins Tal von Valbona erlauben. Eine lange Tour ist der Weg über die Grenze nach Theth, eine Route, der auch der Fernwanderweg »Peaks of the Balkans« folgt. Informationen zum Grenzübertritt gibt es auf der Website des Fernwanderwegs (siehe unten).

 

Wandern

Alphütte oberhalb Nikç

Alphütte oberhalb Nikç

Die Bergwelt des Kelmend bietet hervorragende  Wandermöglichkeiten – vgl. Texte oben. Die Touren sind aber meist anspruchsvoll, da die Hänge sehr steil sind.

Rund um Vermosh und Lepusha gibt es aber auch Touren, die weniger steil sind. Hier gibt es auch gute Möglichkeiten für Rundtouren, die nach einem halben oder ganzen Tag wieder ans Ziel zurück führen. Man kann aber auch von Selca nach Vermosh wandern (lange), von Vermosh nach Lepusha, von Lepusha nach Nikç oder Vukël sowie vno Vermosh nach Montenegro.

Mit deutscher Finanzierung und Schweizer Know-how wurden in den letzten Jahren zahlreiche Wanderwege in Kelmend markiert. Somit fällt die Orientierung bei gutem Wetter auf den häufig begangenen Routen nicht mehr schwer.

Viele Touren führen in die – meist stark – abgeschiedene Bergwelt und entsprechende Ausrüstung und Vorbereitung voraussetzen. Siehe Hinweise zum Wandern auf der Seite Albanischen Alpen!

 

Eindrücklich, aber herausfordernd sind Wanderungen in den »Bjeshkët e Namuna«, den »verwunschenen Bergen«. Die Touren nach Theth und Boga sind extrem lange (eher zwei als einen Tag), nicht alle markiert, und führen durch karstiges Hochgebirge. Wasserquellen sind unterwegs kaum vorhanden, gewisse Passagen sind stark ausgesetzt. Diese Routen sollten nur von sehr erfahrenen Berggängern in Angriff genommen werden.

 

Allgemeine Hinweise

Diverse nützliche Reiseinformationen zur Region finden sich auch auf der Seite
Albanischen Alpen.

 

 

Buchtipps: Reiseliteratur

Nordalbanien Wanderführer - Thethi und Kelmend. Christian Zindel, Barbara Hausammann

Der Wanderführer Nordalbanien (Thethi und Kelmend) ist ein unentbehrlicher Begleiter für alle, die das Bergland nordöstlich von Shkodra erkunden wollen. Das Buch beschreibt nebst Hochgebirgstouren auch Spaziergänge im Tal sowie die wichtigsten Sehenswürdigkeiten und das Leben der nordalbanischen Gesellschaft. Leider ist der 2008 herausgegebene Wanderführer vergriffen, aber doch noch über diverse Händler erhätlich. Leider sind auch nicht mehr alle Angaben top aktuell, da sich in den letzten Jahren – mitunter dank diesem Buch – auch die Gebirgsregion touristisch entwickelt hat. Aber dies betrifft nur unwesentliche Aspekte wie das damals noch bescheidene Angebot an Unterkünften oder die zwischenzeitlich erfolgten Investitionen in den Strassenbau. Zusammen mit dem Buch wurde eine Wanderkarte im Massstab 1:50000 für die Abanischen Alpen produziert, sicherlich die beste für die Region.

 

Verkehr

Strasse zwischen Kelmend und Selca vor der Asphaltierung

Strasse zwischen Kelmend und Selca vor der Asphaltierung

In Kelmend gibt es viele Häuser, die Kilometer von der nächsten Strasse entfernt sind. Und diese Strassen sind kaum ohne 4×4-Fahrzeugen passierbar, schon gar nicht bei Regen – abgesehen von der ausgebauten Strecke »Han i Hotit«–Tamara–Vermosh–Plav, die erst vor Kurzem asphaltiert wurde und die abgeschiedene Region jetzt deutlich besser erschliesst. Die Strasse nach Tamara und weiter bis Vermosh ist schmal und kurvenreich, so dass auch hier eingies an Zeit benötigt wird.

Im Winter, wenn zahlreiche Dörfer über Monate von der Umwelt oder dem Rest Albaniens abgeschnitten sind, ist der Pass bei Lepusha wegen meterhohem Schnee gesperrt.

Anreise

  • Auto – Kelmend ist gut von Shkodra und dem Grenzübergang »Han i Hotit« von Montenegro aus zu erreichen. Die Route zweigt gleich beim Grenzübergang nach Norden ab. Vermosh ganz im Norden kann auch von Plav in Montenegro angefahren werden.
  • Busse – Ab Shkodra fahren Minibusse (Furgon) nach Kelmend, meist frühmorgens oder am frühen Nachmittag. Auch von Gucia oder Plav sollte es Busse oder Mitfahrgelegenheiten nach Vermosh geben.
  • Flugzeug – Neben dem Flughafen in Tirana bietet sich auch der Flughafen in Podgorica (Montenegro) für die Anreise an.
  • Eisenbahn – Podgorica und Shkodra sind per Eisenbahn zu erreichen. Nach Shkodra fährt aktuell aber nur noch ein Zug pro Tag. Zwischen diesen beiden Städten verkehren keine Personenzüge.

 

Essen & Schlafen

Hotel in Lepusha

Hotel in Lepusha/»Bordolec-Pass«

In Vermosh und Lepusha gibt es seit ein paar Jahren einfache Guesthouses. Auch in Tamara gibt es schon ein, zwei Gästehäuser. Etwas oberhalb vom »Bordolec-Pass« liegt auch ein kleines, sehr einfaches Hotel (Etagen-WC); direkt am Platz wird eine Wiese als Camping-Platz vermarktet.

Die Gästehäuser verfügen meist über Mehrbettzimmer und einem zu teilenden Badezimmer. Das Abendessen wird in der Stube des Hauses eingenommen. Für Wanderungen werden gerne auch Essenspakete bereitgemacht. Die Unterkünfte sind einfach und die Privatssphäre beschränkt. Zumindest hat man die Möglichkeit, etwas Einblick in den Alltag der Menschen zu erlangen.

In Dörfern ohne Gästehäuser findet sich meist problemlos auch jemand, der bereit ist, Gäste aufzunehmen. Man muss aber damit rechnen, dass kein modernes Badezimmer vorhanden ist und man allenfalls im Wohnzimmer schlafen muss.

Bis jetzt gab es kaum Restaurants, abgesehen von Vermosh und evtl. auch Tamara. Cafés gibt es in fast allen Dörfern, und zum Teil werden auch Kleinigkeiten zu essen angeboten. Die Speisen in den Gästehäusern sind stark vom lokalen Angebot geprägt: Lammfleisch, frisches Gemüse, Kartoffeln, Käse und Brot.

 

Einkaufen

Wegweiser in Tamara

Wegweiser in Tamara

In Tamara gibt es kleine Läden, die zum Teil auch lokale Produkte anbieten. In den Dörfern im Gebirge gibt es keine Läden. Die Cafés bieten zum Teil ein paar Dinge des alltäglichen Bedarfs an, aber nur sehr wenig Lebensmittel. Vorräte sollten in Shkodra oder Plav eingekauft werden. Bei Bauern in den Dörfern sollte man frisches Gemüse, Brot und Käse kaufen können.

 

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